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Über Und Unter Dem Schottenrock

Über und unter dem Schottenrock

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

Über und unter dem Schottenrock

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Was macht den Kilt innerhalb und außerhalb Schottlands so beliebt?

  • Man fällt damit garantiert auf, vor allem bei den Damen. Damit ein Mann im Kilt aber wirklich gut aussieht, sollte er stämmig sein und stramme Waden haben. Bei zu viel Bierbauch besteht allerdings die Gefahr, dass der Kilt hinten weiter hinunterhängt als vorne.
  • Der Kilt gibt Männern die Gelegenheit, sich mal so richtig „aufzustylen“. Und keiner soll behaupten, es gebe keine eitlen Männer.
  • Die US-Amerikaner und Kanadier haben ein unbeschreibliches Bedürfnis, ihre schottischen Wurzeln zu finden und diese nach außen zu zeigen, durch ein entsprechendes Clan-Outfit.
  • Seit den 1970er Jahren haben Punks dem Tartan zu noch mehr Popularität verholfen. Nicht der Tartan selbst, sondern das unorthodoxe Tragen dieses Kleidungsstücks (z.B. kurz und sexy, oder mit Schnürstiefeln) galt als „Anti-Establishment“-Symbol.
  • Von 1746 bis 1782 war das Tragen des Kilts – nachdem Bonnie Prince Charlie in der Schlacht von Culloden verloren hatte – bei Strafe verboten. In typisch schottischer Sturheit sagten sich die Highlander: Jetzt erst recht. Der Kilt wurde zum neuesten Schrei in der Mode: 1822 tauchte sogar König George IV beim Schottlandbesuch im Kilt auf. Darunter trug er rosa Strumpfhosen (hätte ich gerne gesehen).
  • Der Kilt hat auch alternative Verwendungen, zum Beispiel als Schlafsack, zum Drachenfliegen (The Flying Scotsman), als Picknick-Decke etc.
  • In früheren Zeiten konnte man seinen ganzen Körper darin einwickeln. Ein durchaus praktisches Kleidungsstück ob des schottischen Wetters. Schließlich setzte sich die „Rock“-Version durch. Sie ist gleichzeitig warm und luftig, und auch zum Arbeiten, Tanzen etc. geeignet.

 

Mythos oder Wahrheit?

  • Was trägt der Schotte unterm Kilt?
    Stellt man diese Frage einem Schotten, hört man als Antwort meist: „Die Zukunft Schottlands“. Manchmal verraten sich die Herren selbst, wenn sie im Sitzen die Knie etwas zu weit öffnen, oder beim Ceilidh-Tanzen der Kilt so richtig schön schwingt. Als Herr ist man es einfach nicht gewohnt, einen „Rock“ zu tragen. In den 1950er und 60er Jahren durften Herren im Kilt in Straßenbahnen nicht die obere Etage benutzen; sie könnten ja vielleicht die Passagiere der unteren Etage schockieren.
  • Jeder Clan hat seinen Tartan (das heißt sein eigenes Kiltmuster), und man erkennt die Clanzugehörigkeit am Kilt.
    In früheren Zeiten wurden in jeder Region andere Webtechniken und Garne verwendet, und somit unterschieden sich die Muster. Aufwendige Muster ließen auf Träger mit besonderem Status oder Reichtum schließen. Die Zuordnung der Muster zu bestimmten Clans geschah erst viel später; dennoch berufen sich viele Schotten und vor allem Amerikaner auf ihren Familientartan. Heutzutage gibt es tausende registrierte Muster. Fast jeder Verein und jede Firma hat ihren eigenen Tartan. Und man kann sich auch ein eigenes Tartan-Muster entwerfen lassen.
  • Damen tragen keinen Kilt.
    Viele Produzenten historischer Gewandung für diverse Zwecke berufen sich auf Bücher aus dem 19. Jahrhundert, die die traditionelle schottische Tracht beschreiben. Diese Bücher, allen voran das Vestiarium Scoticum der Brüder Sobiesky und Hay, entsprangen eher romantischer Verklärung als historischer Wahrheit. Und die Produzenten dieser Gewänder wollen natürlich ihre Kleidungsstücke verkaufen. Konkrete Anhaltspunkte fehlen weitgehend. Es ist jedoch anzunehmen, dass Stoffe mit Tartan-Mustern nicht nur den Männern vorbehalten waren. Auch Damen wickelten sich in ein wollenes, schön gemustertes Überkleid. Auf Hochzeiten tragen Damen meist Kleider, die mit einer Tartan-Schärpe dekoriert sind. Heute gibt es Kilts für Damen, in unterschiedlichen Längen von kurz und sexy bis knöchellang und bieder. Allerdings wird eine Dame, die im Kilt auftritt, nie denselben Effekt hervorrufen wie ein Herr.
  • Jeder Schotte hat einen Kilt.
    Nein, Schotten tragen den Kilt nur zu besonderen Anlässen, zum Beispiel zu Hochzeiten, Tanzabenden, Rugby- und Fußballspielen und ähnliches. Viele Schotten leihen sich ihr Outfit zu diesen Gelegenheiten aus, von Verwandten oder Freunden oder einem Kilt-Verleih. Wenn man in den Straßen Edinburghs einen Mann im Kilt sieht, dann ist er entweder vom Fremdenverkehrsamt engagiert, oder es steigt an diesem Tag ein Rugby-Match, oder er ist ein Tourist, der fürchtet, dass er zu Hause nicht genug Gelegenheit hat, seinen Kilt zu tragen.

Das perfekte Outfit

Ein Kilt alleine macht noch keinen Schotten. Die wichtigsten Accessoires sind der Sporran, die „Kilt hose“, die Flashes, der Gürtel, das Hemd, die Kiltnadel und der Sgian Dubh. Der Sporran ist das kleine Täschchen, das man an einer Kette vorne im Schoß trägt (nicht zu hoch, sonst könnte es unangenehm werden). Darin kann man allerhand Nützliches verstecken, zum Beispiel einen Flachmann mit Whisky. Sporrans gibt es in allen Ausführungen, vom einfachen Lederstück über echte und unechte Fellvarianten bis hin zu halben Tierköpfen, je nach Geschmack. Für so manchen Kiltträger ist der Sporran ein mindestens genauso wichtiges Stilelement wie für eine Dame die Handtasche.

„Kilt hose“ ist keine Hose, sondern die besonders langen Stutzen, meist in Schwarz oder Weiß. Man legt das Gummiband der Flashes (Stoffstreifen im selben Tartan wie der Kilt) um die Wade und schlägt den Strumpf einmal um, so dass nur noch die Spitzen der Flashes hervorschauen. Unter das Gummiband steckt man nun den Sgian Dubh, das kleine Messer. Den Rock wickelt man sich derart um den Leib, dass die glatte Seite vorne ist. Die Kiltnadel ist dazu da, das lose Stoffende vorne zu beschweren, damit es nicht beim kleinsten Windstoß hochfliegt. Man steckt damit aber nicht etwa die beiden Lagen an Stoff zusammen. Kiltnadeln gibt es in unzähligen Designs, von der einfachen Riesen-Sicherheitsnadel bis zum kunstvollen Silberschwert. Mit einem passenden Gürtel und Hemd ist das Outfit schon alltagstauglich.

Will man die perfekte Aufmachung für den besonderen Anlass, so kann man noch einige Stücke hinzufügen: Ein weißes Hemd mit Mascherl oder auch ein Hemd mit „Jabot“, einer Art Rüschenkragen; ein Gilet und ein Sakko. Hier gibt es verschiedene Varianten, zum Beispiel die „Argyle jacket“ (etwas flexibler was Hemd und Kravatte/Mascherl darunter betrifft) oder den „Prince Charlie“. Natürlich braucht man auch die passenden Schuhe, die sogenannten „Ghillie brogues“. Das Wort „ghillie“ steht für die Schnürung. Der Eitelkeit und Bereitschaft Geld auszugeben sind hier keine Grenzen gesetzt. Etwas lässiger und trotzdem in historisch schottischer Tradition ist man mit einem „Ghillie shirt“, also einem oben geschnürten Hemd gekleidet. In jedem Fall sollte der Herr mit zirka einer halben Stunde „Ankleidezeit“ rechnen. „Endlich braucht der Herr einmal länger!“ können darüber die Damen nur lachen.

Du möchtest in Edinburgh einen Kilt kaufen?

Erstens, achte darauf, dass du im Billigflieger dadurch nicht die Gewichtsbeschränkungen beim Gepäck überschreitest, und dass du Sgian Dubh und Kiltnadel nicht im Handgepäck hast. Zweitens, entscheide dich, ob du echte schottische Qualität in Wolle möchtest, wo die Falten schmal und dem Muster angepasst sind (8 yards, das sind über 7 Meter Stoff), oder ob Synthetik und „made in China“ auch ausreichen. Drittens, überlege dir, welche Accessoires du brauchen wirst. Besitzt du Trachtenschuhe oder „Budapester“, die du zum Kilt anziehen könntest? Wie sieht es mit Hemd und Stutzen aus?

Ein Besuch in der Geoffrey (Taylor) Tartan Weaving Mill am Anfang der Royal Mile, gleich in der Nähe der Burg, ist auf jeden Fall empfehlenswert. Mann sollte allerdings keine Panik bekommen, denn – ähnlich wie bei Ikea – wird man durch das ganze Geschäft und mehrere Etagen mitsamt Schau-Weberei geleitet, verliert dabei jede Orientierung und kann auch nicht umkehren. Man bekommt hier Kilts in guter Qualität, auch für Damen, in verschiedenen gängigen Tartans, vielen Längen und Größen. Für das kleinere Reisebudget ist es jedoch ratsamer, einfach zu schauen und zu genießen. Man könnte hier auch die ganze Familie im Tartan-Outfit fotografieren lassen. Das Gebäude war übrigens einst das Wasser-Reservoir von Edinburgh.

Die meisten Kilt-Hire Shops verkaufen auch gebrauchte Modelle. Es lohnt sich also, in Google Maps einmal „Kilt-Hire Edinburgh“ einzugeben, und ein entsprechendes Geschäft aufzusuchen. Auch in Second-Hand-Shops hat man die Möglichkeit, einen Kilt in guter Qualität zu einem „schottischen“ Preis zu ergattern. Allerdings muss man hier bei Weite und Länge einfach Glück haben. Auch synthetische Kilts in Souvenir-Shops gibt es nur in Einheitslängen. Sie sind aber durchaus die richtige Option, wenn man nur ein Faschingskostüm oder einen Spaß-Kilt zum Fortgehen möchte. Solche Party-Kilts sind ab zirka 30 Pfund erhältlich, und dann ist es auch nicht allzu schlimm, wenn man einmal Bier verschüttet. Ein etwas schwererer Kilt aus mehr Stoff  – immer noch Kunstfaser – aber durchaus auf den ersten Blick passabel aussehend, ist um etwa 50 Pfund zu haben (Preise variieren je nach Saison, man kann auch Glück haben). Hier empfiehlt es sich, die Royal Mile etwas weiter hinunter zu wandern, oder auf die Southbridge abzubiegen, denn die Preise werden mit der Entfernung zur Burg niedriger, und die Verkäufer stammen mit höherer Wahrscheinlichkeit aus fernen Ländern. Man sollte daran denken, möglichst das ganze Outfit im Set zu kaufen. Zumindest ein Sporran gehört zur Mindestausrüstung.

Was ist nun die richtige Länge für den Kilt? Als man beim schottischen Heer ganze Regimenter damit ausstattete, ließ man die Soldaten niederknien. Der Kilt sollte nun knapp über dem Boden enden. Dies war die schnellste Methode, um die passende Länge ungefähr zu bestimmen. Um im Kilt-Geschäft nicht niederknien zu müssen, empfiehlt es sich, die Länge schon mal vorab zu messen. Man misst von Gürtel-Oberkante bis Mitte der Kniescheibe. Ein Kilt sollte die Kniescheibe nicht ganz verdecken, sie sollte aber auch nicht zur Gänze sichtbar sein. Für Damen gibt es Längen mini, midi (nicht überall erhältlich) und maxi, für jedes Alter und jede Figur das Passende.

Wo kann man zu Hause einen Kilt tragen?

Nicht nur im Fasching. Auf einer Hochzeit kann man mit einem edlen Kilt-Outfit auffallen. Es gibt aber auch andere Events, wo man im Schottenrock passend gekleidet ist: Bei Highland-Games (für Deutschland siehe: http://www.discover-gb.de/britische-lebensart-in-deutschland/veranstaltungen/highland-games.aspx, für Österreich: http://www.oelv.at/originalgames/index2.htm), beim Bogenschießen, bei Golfturnieren im Kilt, bei Whisky-Verkostungen oder Messen, bei historischen Festen und Burgfesten, bei Dudelsack-Veranstaltungen, wenn Schottland im Fußball spielt oder man im Pub Rugby schaut, bei keltischen Festen, bei Konzerten von schottischen oder irischen Folk-Bands, bei Burns‘ Night Feiern (zu Ehren des schottischen Nationaldichters Robert Burns am 25. Jänner) und Saint Andrew’s Day Veranstaltungen (Tag des schottischen Patrons am 30. November). Diese werden von Highlander-Vereinen, Dudelsackbands, Whisky-Clubs, der Robert Burns Society, schottischen Tanzgruppen und so weiter veranstaltet. Und natürlich zu einem schottischen Ceilidh (sprich: „Keli“) – einer traditionellen Tanz- und Musikveranstaltung. Auch diese gibt es wegen ihrer Beliebtheit bei Jung und Alt weit über die Grenzen Schottlands hinaus. Kurz, Gelegenheiten gibt es viele, wenn man sich nur dafür interessiert. Die schottische Kultur ist auch in unseren Breiten sehr populär, und wenn man einen Kilt besitzt, dann sollte er ja nicht nur im Schrank hängen.

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