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Schottische Tänze Und Ihre Geschichte

Schottische Tänze und ihre Geschichte

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Schottische Tänze und ihre Geschichte

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So mancher Schottland-Tourist hatte schon einmal das Glück, auf einer Ceilidh[1]-Tanzparty Jigs und Reels zu tanzen. Schottische Tänze erfreuen sich nicht nur in Schottland größter Beliebtheit. Schottische Tanzgruppen gibt es hunderte weltweit, in Europa, den USA, Canada, Australien, Neuseeland, aber auch in so exotischen Regionen wie Japan, Sri Lanka, Singapur, Barbados, Jamaica, Argentinien oder Südafrika. Was also macht den Reiz dieser Tänze aus, warum haben sie so viele Fans, und wo kann ich es selbst mal ausprobieren? Und gehen diese Tänze wirklich auf alte Traditionen aus den schottischen Highlands zurück? Was haben sie mit Dudelsack und Highland Games zu tun?

Alte kulturelle Traditionen in Schottland

Tanz ist eine ursprüngliche und natürliche Ausdrucksform aller Menschen, und auch der Ursprung der Musik, die anfangs nur um des Tanzes willen existierte. So wie in jeder anderen Kultur findet man auch in Schottland frühe Formen des Tanzes: Tänze mit gleichzeitigem Gesang und Stepp-Tänze mit rhythmischen Schritten, Tänze, die mittels Pantomime Geschichten erzählen, Kreistänze, und Tänze, die kriegerische Tätigkeiten nachahmen oder dem Training der Geschicklichkeit von Kriegern dienen (aus dieser Tradition kommt wohl der berühmte Schwerter-Tanz). Schon im Mittelalter gibt es Hinweise auf einen sozusagen „ur-schottischen“ Tanzstil, nämlich den der schwungvollen Reels. Diese waren eine Kombination von Hüpfern und Sprüngen am Stand und Bewegungen in bestimmten Mustern im Raum. Diese beiden Elemente wechselten sich ab. Zuerst wurden sie im Kreis, später von Gruppen aus drei Personen in Linien und dann auch von Paaren getanzt. Die Hüpfer und Sprünge demonstrierten dabei Geschick und Flinkheit der Tänzer, die Reel-Muster ahmten wohl frühe keltische, wikingische und piktische Verzierungen und Schnörkel nach. Getanzt wurde nicht nur zu Gesang, sondern zu Tamburin, Dudelsack, Trompeten, Flöten und Geigenklängen. Schon zur Zeit der Renaissance spürte man in den höfischen Tänzen Schottlands den Einfluss der französischen Kultur; die beiden Nationen waren ja in der Auld Alliance befreundet. Auf den Inseln im Norden bemerkt man auch skandinavische Einflüsse.

Höfische Tänze und fremde Einflüsse

Vor allem im 17. Jahrhundert folgte eine Phase, in der das Tanzen durch strenge Religiosität stark eingeschränkt wurde. Eine neue Blütezeit erlebte es dann im 18. Jahrhundert, als es sich von Edinburgh ausgehend über die „Assemblies“ – den obersten Schichten vorbehaltene Tanzgesellschaften – auf die adeligen Höfe und erlauchten Clubs des Landes verbreitete. Tanzunterricht gehörte zur höfischen Etiquette, und sogenannte „Dancing Masters“ gaben – mit einer Geige ausgestattet – darin Unterricht. Erst allmählich wurden diese Tanzstunden auch für das Bürgertum üblich und leistbar. Für Soldaten der Armee gehörte eine Tanzausbildung ebenso zum Pflichtprogramm. Die „Dancing Masters“ wurden meist im französischen Stil ausgebildet, wo das Ballett[2] und der Bühnentanz als Grundlage das Tanzen dominierten. Um diese Zeit verbreiteten sich auch englische „Country Dances“ in Schottland. Das „Country“ steht hier nicht für „ländlich“, sondern kommt vom lateinischen „contra“ für „gegenüber“, da sich die Tänzer meist in Reihen gegenüberstehen. Auch Paartänze wie Walzer und Polka aus anderen europäischen Ländern waren damals beliebt. Die Tanzstile vermischten sich schließlich mit den alten Reels, und neue, typisch schottische Elemente wurden hinzugefügt. Die Musiker spielten oft in alter schottischer Tradition und gaben den Tänzen so einen schottischen Charakter.

Country – Ceilidh – Highland: Die drei großen Kategorien

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Im 18. Jahrhundert hatten sich aus diesem lebendigen Mix heraus drei Hauptformen des schottischen Tanzes herauskristallisiert:

1. Eine eigene schottische Variante des „Country Dancing“, das viele Elemente der ursprünglichen Reels in sich aufnahm. Die Schritte wurden standardisiert und die Strathspey Reels waren im Stile der höfischen Tänze etwas langsamer und elegant (man bedenke die frühere Kleidung). Schwungvolle Reels gehörten aber unbedingt zum Repertoire.

  1. Ceilidh-Tänze: Einfache Tänze für Feste, Hochzeiten und sonstige Anlässe, die keinerlei besondere Tanztechnik erforderten. Man tanzte hier eine Mischung aus traditionellen Reels, einfachen „Country Dances“ und aus anderen Kulturen geborgten Märschen, Walzern etc. (z.B. Kreiswalzer, Gay Gordons, Canadian Barn Dance,…), die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Mode kamen. Ceilidhs waren dabei aber nicht nur Tanzfeste: Man traf sich, erzählte Geschichten, sang und spielte Musik.
  2. Highland Dancing: Hier handelt es sich um Tanz als Wettkampf- und Showsport, der im Rahmen von Highland Games und Dudelsackbewerben gezeigt wurde, anfangs nur von Männern (erstmals 1783 in Edinburgh). Es handelt sich dabei nicht etwa um Traditionen aus den Highlands, sondern um von speziell dafür ausgebildeten Tanzlehrern erfundene Choreographien, hauptsächlich aus Hüpfern und Sprüngen am Stand, manchmal auch in Anlehnung an alte Reels. Die „Highlands“ waren zum Modewort geworden, und man kreierte sich nach eigenen Vorstellungen eine idealisierte schottische Tradition. Später entstanden daraus auch „weiblichere“ Varianten (Ladies‘ Step Dance), und heute wird Highland Dancing von 95% jungen Mädchen und Damen ausgeführt. Diese Tanz-Art ist eng mit dem irischen Tanz verwandt.

Pflege der Volkskultur und lebendige Tradition

Diese drei Traditionen setzten sich bis ins 20. Jahrhundert fort und erfreuen sich heute wieder allergrößter Beliebtheit, nicht nur in Schottland. Einige der traditionellen Tänze gingen in Schottland verloren, erhielten sich aber bei den Auswanderern, z.B. in den USA und Canada (Cape Breton in Nova Scotia), und wurden über diesen Weg später wieder nach Schottland zurückgebracht. Sowohl im „Country Dancing“ als auch im „Highland Dancing“ formierte sich eine Dach-Organisation: Die Scottish Country Dance Society (gegründet 1923, seit 1951 Royal Scottish Country Dance Society), respektive das Scottish Official Board of Highland Dancing (1950). Diese Organisationen leisteten einen erheblichen Beitrag zur Erhaltung und Überlieferung traditioneller Tänze, jedoch standardisierten sie die einst regional verschiedenen Varianten, legten die Tanztechnik fest und führten eine einheitliche Ausbildung der Tanzlehrer ein. Dadurch sind die Tänze heute weltweit kompatibel, jedoch gingen auch viele Versionen und lokale Eigenheiten verloren. Es gibt auch eine schottische Tanz-Szene abseits dieser beiden großen Organisationen, mit zahlreichen informelleren Clubs, Gruppen und Tanzveranstaltungen. Und schottische Tänze sind keinesfalls eine starre Institution geworden. Jedes Jahr entstehen hunderte neuer Tänze auf der Grundlage des alten Repertoires, aber auch neue Tanz-Figuren. Tanz ist eine Kulturform, die immer in Entwicklung begriffen ist und Einflüsse anderer Kulturen in sich aufnimmt. Das macht sie lebendig und reizvoll.

Warum sind schottische Tänze weltweit so beliebt?
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In die ganze Welt verbreitet wurden schottische Tänze in erster Linie durch Auswanderer, aber in den weltweiten Tanzgruppen tanzen längst nicht mehr nur Menschen mit schottischen Wurzeln. Die traditionelle schottische Musik hat viele Fans, und so manchen lässt die schottische Kultur nach einem Urlaub in den Highlands nicht mehr los. Vielen kommt es auch entgegen, dass man für Scottish Country Dancing keinen fixen Tanzpartner braucht, und dass man bei den einfachen Ceilidh-Tänzen gleich lostanzen und Spaß haben kann, ohne sich lange mit Tanztechnik und Schritten zu plagen. Wer solche geselligen und zwanglosen Tanzabende einmal erlebt hat, der sucht sie immer wieder. Die fast geometrischen Muster der Tänze sagen logischen Denkern besonders zu. So mancher tanzt aber einfach nur, um seine Kondition auf eine unterhaltsame Art und Weise zu verbessern.

Wo kann man schottisch tanzen?

In Schottland:

Wer schottische Tänze gerne einmal selbst ausprobieren möchte, der sollte bei seinem nächsten Schottland-Urlaub unbedingt einen Ceilidh einplanen. Solche gibt es in allen größeren Städten zumindest wöchentlich, in kleineren Orten ab und zu, zur Festival-Zeit in Edinburgh täglich. Ein erster Anhaltspunkt kann die Webseite http://www.mikescommunity.com/diary sein, ansonsten kann man im Internet nach Terminen suchen. Und keine Sorge: Vorkenntnisse im Tanzen sind nicht erforderlich, man kann auch als blutiger Anfänger einfach mitmachen. Dieses Erlebnis sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Ähnliche Traditionen gibt es übrigens auch in England, Irland (céilí), Cornwall (Troyl) und Wales (Twmpath).

Zu Hause:

Für alle Daheimgebliebenen gibt es auch im deutschsprachigen Raum viele schottische Tanzgruppen. Für Scottish Country Dancing findet man eine relativ vollständige Liste unter http://www.celtic-circle.de/ (geschätzte 80 Gruppen in D, Ö und CH). In einigen Städten gibt es auch Caledonian Societies[3] oder andere Vereine, die Ceilidhs veranstalten. Highland Dancing ist im deutschsprachigen Raum kaum zu finden, abgesehen von einzelnen Kursen und Workshops. Es gibt auch einige Ceilidh-Bands, die man für Veranstaltungen, z.B. Hochzeiten, engagieren kann. Die Internet-Recherche lohnt sich hier auf jeden Fall.

Schottische Tanzgruppen im deutschsprachigen Raum:

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[1] „Keli“ ausgesprochen

[2] Rameau legte 1725 die noch heute üblichen fünf Fußpositionen fest

[3] Ursprünglich karitative Vereine zur Unterstützung schottischer Auswanderer, pflegen die Caledonien Societies heute die schottische Kultur.

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