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Schauergeschichten Aus Edinburgh

Schauergeschichten aus Edinburgh

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Das Gute und das  Böse in uns

Eine Geschichte, die man als Edinburgh-Besucher unbedingt kennen sollte, ist die von Deacon Brodie und von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. „Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde“ ist eine Novelle des Schritstellers Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1886. Es ist wohl die berühmteste Geschichte einer gespaltenen Persönlichkeit: der angesehene Dr. Jeckyll, der sich mit Hilfe eines Zaubertranks in den Halunken Mr. Hyde verwandelt, um seine Gelüste auszuleben, ohne jegliche Gewissensbisse, und ohne die strenge Moral der viktorianischen Gesellschaft. Mr. Hyde gerät jedoch außer Kontrolle, und als die Geschichte auffliegt, nimmt sich Hyde – ja eigentlich Jeckyll – das Leben.

Stevensons Novelle spielt in London. Was hat also die Geschichte mit Edinburgh zu tun? Stevenson selbst stammte aus Edinburgh, und in seiner Heimatstadt hörte er wohl die Geschichte von Deacon Brodie, die sich etwa 100 Jahre davor ereignet hatte, und sie faszinierte ihn. William Brodie war ein angesehener Handwerker, Tischler und Schlosser, Innungsmeister und außerdem Stadtrat von Edinburgh. Doch er schaute auch gern zu tief ins Glas, zockte, hatte zwei Geliebte, die nichts voneinander wussten, und mindestens fünf uneheliche Kinder. Kurz: Er hatte Geldsorgen.

Weil er als angesehener Handwerker Zugang zu wohlhabenden Häusern hatte, machte er sich das zunutze, kopierte die Schlüssel und ging nachts auf Beutezüge. Eines Tages ging dann ein solcher Einbruch schief, er wurde von einem Kumpanen verraten und auf der Flucht geschnappt. Das Doppelleben des Deacon Brodie wurde aufgedeckt und er wurde öffentlich gehängt, auf einem Galgen, der er angeblich noch selbst gebaut hatte.

Gerüchten zufolge entkam Brodie allerdings dem Galgen und wurde später in Paris gesichtet. In der Geschichte des Dr. Jeckill und Mr. Hyde lebt er jedenfalls weiter, und auch in der Bezeichnung eines Pubs (Deacon Brodie’s Tavern) und eines Cafés (Deacon’s House Café, in den Räumen seiner ehemaligen Werkstatt), und einer dunklen kleinen Gasse namens „Brodie’s Close“, alles an der Royal Mile zu finden. Sein Wohngebäude, einst am Ende der Gasse gelegen, musste leider moderneren Bauwerken weichen. Der Barkeeper in Deacon Brodie’s Tavern hat so einige Schauergeschichten über Brodie’s Geist auf Lager, der immer noch gerne Schlüssel kopiert J Einen Besuch wert ist auch das Pub „Jeckyll and Hyde“ in der Hanover Street, vor allem wenn man es gern etwas gruselig mag. Günstige Mittagsangebote, etwas härtere Musik, Cocktails mit makaberen Namen und hinter geheimen Türen versteckte Toiletten machen es sehenswert.

 

Die Anatomie Edingburghs

Edinburgh hat eine alte Tradition als Universitätsstadt (seit 1583) und brachte vorallem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften außerordentliche Forscher hervor. So auch den Arzt Robert Knox, der 1826 eine eigene Anatomie-Schule gründete. Das Sezieren menschlicher Leichen war zu dieser Zeit nicht nur revolutionär, sondern aus religiösen Gründen völlig inakzeptabel und zudem illegal. Knox war jedoch von dessen Notwendigkeit vollkommen überzeugt und offenbar genoss er es sogar ein wenig. Seine Vorlesungen waren nichts für Studenten mit schwachem Magen, und seine Kollegen begrüßte er absichtlich gerne mit blutigen Fingern und  amüsierte sich über deren Reaktion.

Dennoch war es für Knox kein Problem, an Leichen für seine Anatomieschule zu kommen. Im damaligen Edinburgh starben immer wieder namenlose Bettler und Obdachlose, und es gab viele Studenten, die sich etwas Geld verdienen wollten, indem sie nachts die Leichen ausgruben und an Knox lieferten. Diese Praxis wurde offenbar amtlich geduldet und schadete dem Ansehen des Arztes nicht. Man braucht sich auch nicht zu wundern, wenn Friedhöfe, z.B. St Cuthbert’s am Beginn der Lothian Road, aus Angst vor den Leichendieben mit Wachtürmen ausgestattet waren. Doch die Leichendiebe konnten bald den Bedarf nicht mehr decken.

William Burke und William Hare stammten beide aus Belfast, und kamen, wie so viele ihrer Landsleute, auf der Suche nach Arbeit nach Schottland, die sie beim Bau des Union Canal fanden. Später trafen sie sich in Edinburghs Vorort Westport wieder, einem Viertel für irische Einwanderer, wo Hare mit seiner Freundin Margaret Laird eine Pension betrieb, und Burke mit seiner Geliebten ebendort untergebracht war. Ein plötzlich verstorbener Pensionsgast, der Hare noch Geld schuldete, brachte sie auf die Idee mit dem Leichen-Verkauf. Ihr erster Mord war ein kranker Gast, und so führte eines zum anderen und die Morde wurden immer dreister. Zu den insgesamt 16 (vielleicht waren es auch noch mehr) Opfern von Burke und Hare zählten Bettler, Behinderte, Prostituierte, ein Kind und sogar Bekannte der beiden. Einige Opfer wurden jedoch erkannt und man schöpfte schließlich Verdacht.

Der Richter bot damals William Hare die Straffreiheit an, wenn er seinen Komplizen verrate. Und so wurde William Burke öffentlich erhängt, ein riesiges Spektakel mit 25 000 Zuschauern. Seine Leiche wurde an der Universität zu Studienzwecken seziert, sein Skelett ist dort immer noch ausgestellt. Aus seiner Haut wurden eine Geldtasche und ein Notizbuch gefertigt, die man im Surgeons Museum bzw. im Polizeimuseum bewundern kann. Die Geschichte verhalf den Lokalzeitungen zu Rekordauflagen, und der Mob verfolgte Hare und dessen Frau, sowie Burke’s Geliebte, die fliehen mussten. Trotz massiver Proteste wurde der Arzt Robert Knox nicht angeklagt. Seine Popularität fand jedoch ein abruptes Ende, und seine Karriere ebenso.

Zu den Folgen dieser Geschichte zählte auch ein 1832 in ganz Großbritannien erlassenes Gesetz, das die Versorgung der Anatomen mit Leichen regelte und dem illegalen Treiben ein Ende setzte. Am High Riggs, nicht weit von da, wo sich einst Hare’s Pension befand, gibt es ein nach den berühmten Mördern benanntes Strip-Lokal. Beliebter Aufenthaltsort von Burke und Hare war das White Hart Inn am Grassmarket, das auch heute noch existiert. Der Grassmarket wurde in den letzten Jahren immer touristischer. Einst war der längliche Platz, unterhalb der Burg und der Royal Mile gelegen, aber Treffpunkt der Unterschicht. Heute findet man hier nur mehr vereinzelt Obdachlose auf einer Parkbank. Damals allerdings war das Lokal der perfekte Ort für Burke und Hare, um ihr nächstes Opfer auszusuchen. Im Edinburgh Dungeon – dem Gruselkabinett – lauern sie in jeder Ecke auf euch. Die Geschichte wurde sogar in einem Kinderlied verewigt:
Up the close and down the stair,
In the house with Burke and Hare.
Burke’s the butcher, Hare’s the thief
Knox, the man who buys the beef.

 

Ein Hund namens Bobby

Weniger schaurig, aber dafür sehr sentimental, ist die Geschichte von Greyfriars Bobby. Ein Terrier soll von 1858 bis 1872, also über 14 Jahre lang, seinem verstorbenen Herrchen die Treue gehalten haben und auf dessen Grab im Friedhof der Greyfriars Church gesessen sein. Zu mittags ging der Hund in das nahegelegene Coffeehouse, wo er vom Kurator gefüttert wurde. Nach Bobbys Tod wurde auf einem früheren Trinkwasserbrunnen gegegenüber dem Friedhofseingang eine Statue des Hundes aufgestellt. Der Hund wurde heimlich auf dem Friedhof bestattet (das Bestatten von Tieren war dort nicht erlaubt), und eine Steinplatte mit Aufschrift erinnert heute an ihn.

Nicht einmal ich  bezweifele die Existenz des Hundes. Zweifel bestehen allerdings in Bezug auf dessen Besitzer, einem gewissen John Gray, weil es auf dem Friedhof zwei Personen desselben Namens gibt. Streunende Hunde auf Friedhöfen waren damals keine Seltenheit, und wenn sie gefüttert wurden, dann blieben sie auch bestimmt gerne dort. Ob das Motiv des Hundes also wirklich Treue zu seinem verstorbenen Herrchen war, werden wir wohl nie wissen. Geschichten über außergewöhnlich treue Hunde haben eine lange Tradition, angefangen mit Argos in Homers Odyssee. Solche Geschichten werden in Zeitungen gern gelesen, gerne weitererzählt und ausgeschmückt, und sie locken Besucher an, mit denen man Geld verdienen kann. Bobby hat jedenfalls in mehreren Büchern und Filmen (darunter ein Disney-Spielfilm 1961) Berühmtheit erlangt.

 

Der Millennium clock tower – Ausdruck einer Weltsicht?

Der Millenium Uhrturm wurde 1999 von vier Künstlern geschaffen und ist im National Museum of Scotland zu sehen, wo sich die Uhr zu jeder vollen Stunde zur Musik von Bach mit all ihren Rädchen, Ketten und Figuren in Bewegung setzt. Das über zehn Meter hohe Kunstwerk aus Holz, Metall und Glas soll in seiner Form an eine mittelalterliche Kathedrale erinnern. Es repräsentiert Vergänglichkeit, und die guten und schlechten Erfahrungen des letzten Jahrhunderts.

In Anlehnung an eine Kathedrale ist es in Krypta, Schiff, Glockenturm und Turmspitze unterteilt. Geister und Affen bewegen die Rädchen, Skelette halten das Pendel. Man sieht verzerrte Figuren von Lenin, Hitler und Stalin. Krieg, Hunger, Sklaverei und Verfolgung sind an Galgen gefesselte Körper. Die Spitze ziert eine Figur der Pietà mit einem toten Mann im Arm. Sie symbolisiert das Leid und die Kraft die es braucht, um voranzuschreiten in ein neues Jahrtausend.

Nicht nur Kinderaugen bestaunen den sich bewegenden Mechanismus. Irgendwie ist das ganze Werk unheimlich, die Details skurril. Ob es die dunkle Phantasie der Künstler oder die düstere Sicht der Schotten auf Vergangenheit und Zukunft widerspiegelt? Jedenfalls ist das National Museum of Scotland, auch wegen seiner anderen Ausstellungsstücke, einen Besuch wert. Ausgestellt ist dort auch die Sammlung 17 kleiner Särge mit hölzernen Puppen, die von ein paar Buben 1836 in einer Höhle auf dem Arthur’s Seat gefunden wurden. Manche bringen sie mit Hexen-Ritualen in Verbindung, aber die gängigste Theorie geht davon aus, dass sie mit den Morden von Burke und Hare zu tun hatten. Jemand könnte ein rituelles Begräbnis für die Opfer durchgeführt haben, die nicht wirklich begraben werden konnten. Doch ihre „ewige Ruhe“ weilte nur kurz und sie landeten im Museum.

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