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Rundum Den Firth Of Forth – Teil 3: Die Brücken

Rundum den Firth of Forth – Teil 3: Die Brücken

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Rundum den Firth of Forth – Teil 3: Die Brücken

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50 000 Fußgänger mit Tickets werden dieses Wochenende über die gerade eröffnete Brücke „Queensferry Crossing“ spazieren. Am Montag 4. September 2017 wird sie dann offiziell von der Queen eröffnet: auf den Tag genau 53 Jahre nachdem sie die Forth Road Bridge gleich daneben eröffnet hat. Nicht zu Unrecht sind die Blicke der internationalen Medien dieser Tage auf die drei großen Brücken über den Firth of Forth gerichtet. Sie lassen nicht nur das Herz eines jeden Ingenieurs höherschlagen. Einst ein fast unüberwindbares Hindernis, wird der Fjord an seiner Engstelle heute von im Schnitt 60 000 Fahrzeugen und 200 Zügen täglich überquert.

Vom Burgberg in Edinburgh aus hat man einen wunderschönen Blick hinaus auf den Meeresarm und die gegenüberliegende Küste Fifes, die nur wenige Kilometer entfernt liegt. Einen mühsamen Umweg von ungefähr 100 Kilometern bis zur Brücke nach Stirling mussten Reisende jedoch früher auf sich nehmen, um den Firth of Forth zu umrunden und dorthin zu gelangen. Die Alternative war eine gefährliche Überfahrt per Schiff. Doch schon die Heilige Margareta, die Frau von König Malcolm III., richtete im elften Jahrhundert eine regelmäßige Fährverbindung über den Fjord ein, um Pilgern die Reise nach Dunfermline oder St. Andrews zu erleichtern. Daher kommt auch der Name der beiden Ortschaften North und South Queensferry. Im Zeitalter der Eisenbahnen begann man dann ernsthaft über den Bau einer Brücke oder eines Tunnels nachzudenken. Der mutige Eisenbahn-Ingenieur Thomas Bouch kreierte die Idee einer Fähre, auf die ganze Züge auffahren konnten, und eine solche wurde auf der Strecke Granton – Burntisland im Jahr 1850 in Betrieb genommen. Er war es auch, der einige Jahre später das Konzept für eine Eisenbahnbrücke über den Forth lieferte, was viele seiner Zeitgenossen für nicht machbar hielten. Doch als 1879 die ebenfalls von ihm geplante Brücke über den Tay in einem Sturm einstürzte und 75 Insassen eines Zuges in den Tod riss, erfuhren seine Vorhaben einen unvermittelten Halt. Bouch, einst für seine planerischen Leistungen geadelt, verkraftete diese persönliche Niederlage nie und verstarb einige Monate später.

Doch die North British Railway Company machte weiterhin Druck. Man wollte eine Eisenbahnroute im Osten des Landes von Edinburgh über Perth und Dundee nach Aberdeen errichten, die mit den Routen im Westen konkurrieren könnte. Sie engagierten die Ingenieure Sir John Flowler und Sir Benjamin Baker und taten sich zwecks Finanzierung mit weiteren Eisenbahngesellschaften zusammen. Der Entwurf der Brücke sollte nun im Vergleich zu Bouchs Design stabiler gegen Seitenwinde sein. Im Jahr 1882 stimmte eine knappe Mehrheit im Parlament dem Bau zu, und die Konstruktion der Auslegerbrücke mit ihren großen Stahl-Fachwerken begann. Mit einer Gesamtlänge von 2467 Metern stellte sie damals einen Weltrekord; heute ist sie die zweitlängste solche Konstruktion nach der Quebec-Brücke in Kanada. Schon 1890 wurde sie vom Prince of Wales, dem späteren König Edward VII., eröffnet. Die Brücke – in markantem Rot-Ton gestrichen, ist heute eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Schottlands und zählt zum UNESCO Welt-Kulturerbe. Schon damals zweigleisig geplant, und mit einer minimalen Durchfahrtshöhe für Schiffe von 45 Metern bei Flut, hält sie auch der Belastung des modernen Zugverkehrs noch ohne Probleme stand.

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Technisch gesehen handelt es sich um ein wahres Meisterwerk, und die nur achtjährige Bauzeit der Brücke war ein prägendes Ereignis für die Region. Ihre mittleren Pfeiler stehen auf der Insel Inchgarvie, die weiteren wurden mit Senkkästen gebaut, in denen die Arbeiter unter nicht unerheblichem gesundheitlichen Risiko standen. Zu Spitzenzeiten waren hier 4600 Personen beschäftigt. Wohnsiedlungen, Hütten, Werkstätten, Zeichensäle für die immer anwesenden Ingenieure, Kräne und Sägewerke wurden errichtet, ein Telefonkabel unter dem Fjord verlegt und ein Dampfschiff zum Transport von Arbeitern angeschafft. Unter neuen Verfahren gewonnener Stahl, Granit, Sand, Zement, Bauholz und Kohle wurden antransportiert. Alle Brückenelemente wurden zunächst an Land probeweise zusammengebaut, dann sorgfältig zerlegt und an ihrem endgültigen Platz in der Brücke wieder zusammengefügt. Eine eigene Vorsorge-Organisation für Kranke und Verletzte wurde eingerichtet, jedoch mussten insgesamt 73 Arbeiter ihr Leben lassen.

Das Streichen der Forth Bridge gilt in Schottland als geflügeltes Wort: es steht für eine Arbeit, die nie endet. Tatsächlich waren seit der Eröffnung immer rund 40 Maler und Anstreicher damit beschäftigt, rostige Stellen auszubessern. Zu jeder Zeit waren an mehreren Stellen der Brücke Einhausungen zu sehen, wo gerade die Farbe erneuert wurde. Erst 2013 konnte ein Anstrich entwickelt werden, der nun für die nächsten zwanzig Jahre keiner Erneuerung bedürfen wird. 240000 Liter dieser Farbe wurden in einem Zeitraum von drei Jahren angebracht.

Direkt neben der Brücke bestand eine Fährverbindung für Fußgänger und Autos. Der kleine Ort North Queensferry am nördlichen Ende der Forth Bridge war eine Ansiedlung von Fährmännern, Arbeitern in den Docks von Rosyth und in den Steinbrüchen. Die Kolonnen an Autos, die zum Pier drängten um den Fjord zu queren, wurden ab Mitte der 1950er Jahre immer länger. Das Leben der Bewohner änderte sich gravierend, als nach sechs Jahren Bauzeit im Jahr 1962 schließlich eine Auto-Brücke über den Firth of Forth eröffnet wurde. Die Forth Road Bridge war damals die längste Hängebrücke außerhalb der USA. Ihre Kabel haben einen Durchmesser von 59 Zentimetern. Am Tage ihrer Eröffnung wurde die Fährverbindung eingestellt. North Queensferry ist heute ein Pendlerort, genau wie viele andere, wildwachsende Städte in Fife. Viele Anwohner waren in den Bau der neuen Verbindung involviert, und ein sonntäglicher Spaziergang über die Brücke gehörte zur Freizeitbeschäftigung vieler Familien. Sieben Menschen verloren beim Bau ihr Leben.

Die geplante Lebensdauer der Brücke sollte bei einer prognostizierten Auslastung von elf Millionen Fahrzeugen pro Jahr zirka 120 Jahre betragen. Diese Auslastung wurde natürlich längst überschritten. Oft war die Brücke aufgrund von starkem Wind, Schneefall oder Unfällen nicht passierbar, was chaotische Auswirkungen auf Pendler und Reisende hatte. Schon in den 1990er Jahren wurde der Bau einer weiteren Verbindung angedacht, doch als die Labour Party an die Regierung kam, verschwand das Projekt in der Schublade. Erst im Jahr 2005 kam plötzlich Eile auf, als man einen Festigkeitsverlust von acht bis zehn Prozent in den Kabeln durch Korrosion feststellte, und bei einer späteren Inspektion Risse in Verbindungsgliedern fand. Ein akustisches Warnsystem wurde installiert, und die baldige Gewichtsbeschränkung für LKW oder gar das Szenario einer Totalsperre drohten. Im Jahr 2015 musste die Brücke für Sicherheitsüberprüfungen drei Wochen lang gesperrt bleiben. Die drastischen Folgen für die Wirtschaft und der Druck der Pendler führten schließlich dazu, dass 2010 die Mehrheit im schottischen Parlament für den Bau einer zusätzlichen Brücke stimmte. Das Projekt hatte viele Gegner: nicht nur die Labour Party, sondern auch Umweltschützer, die trotz höherer Kosten und längerer Bauzeit einen Tunnel forderten.

Die Opposition verebbte langsam und heute ist die Aufregung groß, man erhofft sich mehr touristisches Interesse. Drei Brücken aus drei Jahrhunderten überspannen den Fjord dort, wo einst Queen Margaret die erste Fähre einrichtete. Die drei Kult-Bauwerke spiegeln drei unterschiedliche Konstruktionstypen wider: eine Auslegerbrücke, eine Hängebrücke und schließlich eine Schrägseilbrücke. Der Name „Queensferry Crossing“ wurde in einer öffentlichen Abstimmung ausersehen. Über 10 Millionen Arbeitsstunden wurden geleistet, die Bauteile in China und Spanien vorgefertigt, verschifft und von einem internationalen Team an Baufirmen vor Ort zusammengebaut. Der zentrale Pfeiler steht auf der kleinen Felsinsel Beamer Rock, die Türme sind über 200 Meter hoch. Trotz moderner Sicherheitsstandards wurde ein Arbeiter von einem Kran-Teil tödlich getroffen. Während der Personenverkehr ab sofort über die neue Brücke rollt, wird die Forth Road Bridge dann nur mehr von Bussen, Radfahrern und Fußgängern genutzt werden. Für 2018 sind umfassende Renovierungsarbeiten der stark beanspruchten alten Brücke vorgesehen.

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Ein Ausflug nach North oder South Queensferry ist nicht nur für Tiefbau-Begeisterte empfehlenswert. Die wahre Größe der Brückenkonstruktionen wird einem erst bewusst, wenn man direkt unter ihnen steht. Auch mit Boots-Touren oder einer kombinierten Bus-Boots-Tour von Edinburgh aus kann man die Brücken erkunden. Wenn man ein wahrer Ingenieurbau-Enthusiast ist, sollte man auch die weiter im Westen über den Fjord führenden Kincardine und Clackmannanshire Bridges (1936 bzw. 2008) mit einplanen. In North Queensferry gibt es im Bahnhofsgebäude eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Brücken. Der beschauliche Ort bietet auch zwei Cafés, zwei Pubs sowie ein von Michelin ausgezeichnetes Restaurant (The Wee Restaurant). Ein kurzer Spaziergang entlang des Fife Coastal Path hinauf zu einem Aussichtspunkt auf dem Hügel lohnt sich ebenfalls. Von dort aus kann man außerdem Erdöl-Verladeanlagen und eventuell auch Kreuzfahrtschiffe entdecken. In South Queensferry findet man mehrere Cafés und Restaurants, teilweise mit verglasten Terrassen und Ausblick auf die Brücken. Das historische Ortsbild mit seinen Bauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert lädt zu einem kleinen Spaziergang ein. Doch die Geschichte der Region geht noch viel weiter zurück: Ganz in der Nähe fand man beim Bau der neuen Brücke Gebäudereste aus der Mittelsteinzeit. Für die Waghalsigen und Abenteuerlustigen ist in naher Zukunft die Errichtung einer Aussichtsplattform und einer geführten Tour auf die Stahlkonstruktion der Eisenbahnbrücke geplant. Die Einheimischen, ob des ganzen Aufhebens schon leicht genervt, haben der neuen Brücke den Spitznamen Kevin gegeben. Warum? Scherzhaft erklären sie: Jetzt haben wir drei Brücken: Vater Mr Bridges, Mutter Mrs Bridges und Sohn Kevin (gemeint ist der schottische Komiker Kevin Bridges). Irgendwie haben sie ihre neueste Attraktion ja auch lieb gewonnen.

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