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Rund Um Den Firth Of Forth – Teil 2: Die Inseln

Rund um den Firth of Forth – Teil 2: Die Inseln

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

Inselfeeling in Schottland? Sucht man die Gemütlichkeit des Insel-Lebens, wunderschöne Strände, spektakuläre Landschaften und Wanderparadiese, so kommt man auf Schottlands Inseln voll zum Zug. Die Inseln im Firth of Forth bieten aber keine der oben genannten Attraktionen. Doch kaum eine andere Region bietet so viel Mystik und Übersinnlichkeit, und so einzigartige Einblicke in die Vergangenheit; und besondere Erlebnisse sind auf jeden Fall garantiert. Um den Firth of Forth mit allen Sinnen zu erfahren, sollte man in die Welt der Inseln eintauchen. Mit ihren Bauten und Ruinen aus mehreren Jahrhunderten verraten sie uns viel über die Geschichte der Gegend. Sie bieten eine einzigartige Lebenswelt für Vögel und Meerestiere, und sie ermöglichen uns eine außergewöhnliche Perspektive auf den sie umgebenden Meeresarm.

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Wie kann man diese Inselparadiese am besten erkunden? Es gibt deren elf größere, und unzählige kleinere; oft nicht mehr als ein Felsblock, der bei Ebbe aus dem Wasser schaut. Manche sind nur bei hohem Wasserstand richtige Inseln, und einige sind verschwunden, weil die Gezeiten-Lagunen, die sie einst umgaben, trockengelegt wurden. Erkunden kann man die Inseln mittels einer Bootstour, vom Festland aus über live-Kameras, oder – im Falle von Cramond Island –  auch zu Fuß, indem man bei Ebbe über einen Damm spaziert. Wenn man mit dem eigenen Boot unterwegs ist, sollte man sich unbedingt erkundigen, wo das Anlegen erlaubt ist.

Die Inseln im Forth waren immer besondere Orte. Sie boten einst die Möglichkeit für Zwischenhalte für die Scharen an Reisenden, Geschäftsleuten und Pilgern, die den Fjord per Schiff überquerten. Außerdem dienten sie seit jeher der Abwehr von Feinden, die mit ihren Schiffen in Richtung Edinburgh vordringen wollten. Man findet Ruinen von mittelalterlichen Burgen, Wehranlagen aus napoleonischer Zeit, bis hin zu Bunkern und Geschützstellungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Weiter im Inneren des Fjords befinden sich die wichtigen Marine-Werften von Rosyth, die vor Angriffen geschützt werden mussten. Die Inseln spielten auch eine Rolle für das frühe Christentum in Schottland, wo die Mönche Einsamkeit und Askese suchten. Man findet die Überreste von Klöstern, Kapellen und Einsiedeleien.  Sie waren auch als Orte für christliche Bestattungen besonders begehrt, weil die Toten hier vor aasfressenden Tieren sicher waren. Später baute man auf ihnen Leuchttürme zur Orientierung der vorbeifahrenden Schiffe und kassierte Zölle. Die meisten größeren Inseln waren einst bewohnt, von Mönchen, Leuchtturmwärtern, Bauern oder Soldaten.  Zeitweise weideten auf ihnen Schafe, zeitweise verbannte man an Syphilis und Pest erkrankte dort hin.

Bass Rock

Leuchtturm auf Bass Rock Bass Rock von North Berwick aus

Heute gehören die Inseln den Meeresvögeln. Alle Inseln sind unbewohnt, die Leuchttürme automatisiert, die militärischen Anlagen aufgelassen, die alten Gebäude nur noch Ruinen. Die meisten sind Naturschutzgebiete, auf denen sich unzählige Arten von Möwen, Basstölpeln, Brandenten, Kormoranen, Papageientauchern und Haubentauchern – um nur einige zu nennen – wimmeln. Früher wurden die Vögel auch gejagt und verspeist. Heute lässt der Vogeldreck der über 150 000 auf dem Bass Rock nistenden Basstölpel (der Name geht auf den Namen der Insel zurück) den Felsen in der Sonne weiß glänzen und gibt jährlich über 150 Tonnen Ammoniak ab. Leider ist in den letzten Jahren die Anzahl der Kegelrobben, die auf den Inseln im November ihre Jungen gebären, stark zurückgegangen. Vereinzelt kann man auch Delphine oder Wale sichten. Im National Seabird Centre in North Berwick kann man mit Hilfe von live-Kameras das Getümmel auf den Inseln aus nächster Nähe beobachten, ohne die Tiere selbst zu stören.

Das National Seabird Centre bietet Bootstouren an, die rund um Craigleith und Bass Rock führen. Das Hauptaugenmerk der Touren ist die Vogelwelt, aber auch die tollen Aussichten auf die Felsformationen, Höhlen, Klüfte und alten Gebäude auf Bass Rock und der Blick auf Tantallon Castle auf den Klippen an der Küste lohnen sich. Die kleineren, schnellen, luftgefüllten Motorboote sind ein besonderes Erlebnis, die größeren Kähne etwas gemütlicher. Empfehlenswert ist eine Kopfbedeckung und eine wetterfeste Jacke. Man findet sich bisweilen inmitten einer Schar von Tausenden von Vögeln. Nähert man sich Bass Rock, so ist der Gestank fast unerträglich.

Bass Rock ist sicherlich die markanteste Insel im Firth of Forth; ein Vulkanfelsen, der schon aus großer Enfernung zu sehen ist, fast wie Ailsa Craig im Forth of Clyde. Nach drei Seiten fallen die Klippen steil ab. Auf dem schrägen Plateau stand einst die Kapelle des Heiligen Baldred, der dort im 8. Jahrhundert zeitweise als Eremit lebte. Er war ein wichtiger Missionar des frühen Christentums in der Region East Lothian. Eine Süßwasser-Quelle am oberen Ende des Plateaus versorgte ihn mit Trinkwasser. Ab dem Mittelalter residierte auf der Felsinsel die Familie Lauder of the Bass in einer Burg, die mehrfach von schottischen Königen besucht wurde und auch als sicheres Gefängnis für politische Gegner diente. So wurden hier im 17. Jahrhundert viele Covenanters gefangen gehalten, und auch Jakobiten. Vier gefangene Jakobiten überwältigten 1691 die Wachtruppen und brachten die Insel unter ihre Kontrolle. Erst nach drei Jahren gelang es den Regierungstruppen, ein Schiff mit Proviant für die Meuterer abzufangen. Als Tausch für die Rückgabe der Insel und der Burg wurden die vier Jakobiten auf freien Fuß gesetzt. Auf den Überresten der einstigen Festung, an der einzigen vom Meer zugänglichen Stelle der Insel, wurde 1902 ein von David Stevenson geplanter Leutturm errichtet.

Cramond Island

Cramond Island bei Ebbe Cramond Island

Der Vorort Cramond ist von Edinburgh aus mit dem Bus zu erreichen. Schicke Einfamilienhäuser mit viel Grün reihen sich um die Mündung des Flüsschens Almond. Eine Besonderheit des Ortes ist seine Insel, die bei Ebbe durch einen betonierten Damm mit dem Festland verbunden ist. An einer Seite dieses Damms reihen sich Betonpfeiler auf, die im Zweiten Weltkrieg als U-Boot-Sperre errichtet wurden und einen recht bizarren Anblick bieten. Beachtet man die Gezeiten – am Strand von Cramond gibt es eine Info-Tafel, aber auch im Internet findet man diese Informationen – so kann man zur Insel hinüberwandern. Schon so mancher Wanderer wurde von der Flut überrascht und war auf der Insel für einige Stunden gefangen: man sollte also genau planen. Ungefähr zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach dem Tiefststand gilt als sichere Querungszeit. Der betonierte Weg ist in schlechtem Zustand, und die Entfernung zur Insel sollte man auch nicht unterschätzen; für die 1,6 km braucht man etwa 25 Minuten. Im Jahr 2012 erreichte ein YouTube-Video traurige Berühmtheit, das eine Frau zeigt, die mitsamt Kinderwagen vom rutschigen, wasserbedeckten Weg ins schlammige Wasser stürzt. Dank der schnellen Hilfe von Passanten kamen Mutter und Kind mit dem Schrecken davon.

Für größere Kinder ist so ein Ausflug auf eine Gezeiten-Insel aber in jedem Fall spannend. Auf Cramond Island kann man dann allerhand interessante Ruinen entdecken. Ungefähr in der Mitte, versteckt im Gebüsch, befinden sich Überreste eines alten Bauernhauses, das in den 1930er Jahren verlassen wurde. Bis vor ungefähr 50 Jahren weideten auf Cramond Island Schafe. Wenn man auf der Insel ankommt, sieht man gleich rechts eine Geschützstellung und einen Scheinwerferbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Am nordöstlichen Ende der Insel findet man noch mehr Befestigungsanlagen aus dieser Zeit, unter anderem zwei Maschinenräume, die die Energie für die Anlagen auf der Insel lieferten, sowie weitere Geschützstellungen, Lagerräume und Schutzbunker. An der Nordküste der Insel gibt es noch Reste der Fundamente von Baracken, an der Nordwest-Spitze einen Anlegesteg, der mittelalterlichen Ursprungs sein könnte. Auch ein quadratisches Gebäude an der Westseite der Insel, imposant in die Kulisse der Steinküste gesetzt, wurde als Munitionslager genutzt. Die Konstruktion aus alten Steinen lässt aber vermuten, dass das Gebäude schon viel älteren Ursprungs ist.

Nach dem aufregenden Spaziergang zur Insel empfiehlt sich eine Einkehr im Cramond Inn, einem traditionellen Pub in einem weiß getünchten, denkmalgeschützten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert an der Flussmündung des Almond. Das Gebäude war einst ein Wagenschuppen; ein Pub gibt es hier schon seit mindestens 300 Jahren. Man kann auch am Strand entlang in Richtung Osten nach Silverknowes spazieren, von wo aus man mit dem Bus zurück ins Stadtzentrum gelangt (Bushaltestelle beim Golfclub-Gebäude). Auf halbem Weg dorthin findet man im Sommer ein nettes Strandcafé.

Inchcolm Island

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Von North und South Queensferry aus werden verschiedene Bootstouren angeboten. Von Abend-Fahrten mit Folk-Musik und Barbecue, Salsa Tanzen, Disco oder Jazzmusik, bis hin zu speziellen Vogelbeobachtungs-Touren oder Sightseeing der großen Brücken über den Fjord, wird hier für jeden Geschmack etwas geboten. Unterwegs sieht man nicht nur die drei großen Forth Bridges, riesige Kreuzfahrtschiffe, Öl-Verladeanlagen, Wasservögel, Robben, und mit etwas Glück sogar Delphine oder Wale, sondern man kann auch einen Zwischenstopp von eineinhalb Stunden auf Inchcolm Island einlegen.

„Inchcolm“, auf Gälisch die Insel des Heiligen Columba, wird auch das ‚Iona des Ostens‘ genannt. Sie ist nach dem frühchristlichen irischen Missionar benannt, der angeblich im Jahr 567 die Insel besucht hat. In den eineinhalb Stunden Aufenthalt, die einem die Bootstour erlaubt, gibt es einiges zu sehen. Schon im frühen Mittelalter gab es eine Einsiedler-Kapelle, deren angebliche Grundmauern man heute noch besichtigen kann. König Alexander I. geriet im Jahr 1123 bei der Überquerung des Firth of Forth in ein heftiges Unwetter, sodass sein Schiff auf Inchcolm Rettung suchen musste. Dort fand er für drei Tage Unterschlupf in der kleinen Kammer des Einsiedlers, der mit ihm die Milch seiner Kuh und die Mahlzeiten aus Meeresgetier teilte. Aus Dankbarkeit für seine Rettung schwor Alexander, auf Inchcolm ein Kloster errichten zu lassen. So wurden die keltisch-frühchristlichen Eremiten bald von Augustinermönchen abgelöst. Die Abtei bestand bis zur Reformation 1543 und ist ausgesprochen gut erhalten, da sie durch ihre Insellage vor Baumaterial-Räubern weitgehend geschützt war.

Die Insel ist beinahe zweigeteilt, die beiden Erhebungen sind nur durch einen flachen Streifen Strand miteinander verbunden. Kommt man vom Landungssteg her zu den Abteiruinen, dann erreicht man zunächst den Eingangshof mit dem achteckigen Kapitel rechts und den einstigen Vorratsgebäuden auf der linken Seite. Der innere Hof ist der älteste Teil aus der Gründungszeit der Abtei. Der Turm an der Nordseite wurde etwas später gebaut und kann bestiegen werden, und das Langhaus der Kirche, das ungewöhnlich schmal war, ist leider schon großteils eingestürzt. Geht man rechts an den Ruinen vorbei, findet man ganz hinten, und eher unscheinbar an der Gartenmauer, die einstige frühchristliche Eremiten-Kapelle.

Um 1300 entstand auf Inchcolm das christliche Chorbuch Inchcolm Antiphoner, und Abt Walter Bower schrieb hier im 15. Jahrhundert das lateinische Werk Scotichronicon, Schottlands wichtigstes mittelalterliches Geschichtsbuch. Man fand unweit der Abtei auch einen Hogback stone, einen skulptierten Grabstein mit Köpfen an den Enden, der aus der Wikingerzeit (Mitte zehntes Jahrhundert) stammt. Um der schon starken Verwitterung Einhalt zu gebieten, wurde er ins Visitor Centre der Abtei transferiert, wo man ihn besichtigen kann. Ein aufgrund einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert dort ebenfalls vermutetes Steinkreuz wurde bis heute nicht gefunden, allerdings ein ornamentierter Stein, der ein Teil davon gewesen sein könnte. Man fand auch unzählige Skelette und Knochen aus unterschiedlichen Epochen, im Boden vergraben, in den Wänden aufrechtstehend eingemauert, und von einstürzenden Gebäudeteilen verschüttete menschliche Überreste aus früheren Zeiten.

Auch der normannische König Sven (Sweno, Sueno) erkaufte sich einst das Recht, seine Toten auf Inchcolm zu beerdigen, nachdem er von der schweren Niederlage seiner Leute in Fife gehört hatte. Diese Geschichte findet sogar Erwähnung in Shakespeares Macbeth. Der Geist des heiligen Columba soll unzähligen in Not geratenen Seeleuten im Firth of Forth zu Hilfe gekommen sein, und er genoss Ehrfurcht selbst bei den Feinden. Im 14. Jahrhundert war Incholm in den schottischen Unabhängigkeitskriegen wiederholt das Ziel englischer „Piraten“, die die Kunstschätze der Abtei rauben wollten. 1335 lief ein solches englisches Schiff, als es mit der Beute von Inchcolm ablegte, beinahe auf Grund. Aus Angst vor überirdischer Rache brachten die Piraten ihre Beute reumütig zurück. Ein weiterer englischer Raubzug endete in blutiger Vernichtung der Räuber, und ein Versuch, die Abtei in Brand zu stecken, richtete nicht sehr viel Schaden an. Der Wind soll das Ausbreiten der Flammen verhindert haben. Allerdings waren die Gebäude damals aus Stein, und die spärliche Inneneinrichtung und der Dachstuhl waren wohl das einzige, das abbrennen konnte. Im 15. Jahrhundert, als die katholischen Schotten sich längst gegen die Engländer durchgesetzt hatten, wurde Erzbischof Patrick Graham von St. Andrews durch eine päpstliche Anordnung auf Inchcolm verbannt, da ihm Geisteskrankheit zugeschrieben wurde.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde die Insel befestigt und Soldaten dort stationiert. Im östlichen Teil findet man einen im Jahr 1916 errichteten Tunnel durch die Hügel-Kuppe, der begehbar ist. Das Gebäude, das heute das Visitor Center nahe der Anlegestelle beherbergt, war einst das NAAFI (Navy, Army and Air Force Institute), wo die ca. 500 Soldaten auf der Insel Verpflegung, Waschmaschinen und dergleichen Einrichtungen fanden. Geht man den Ostteil der Insel ab, so findet man zahlreiche Bunker und Stellungen, und hat auch einen unvergleichlichen Blick auf die Abteiruinen. Der Westteil der Insel gehört den Seevögeln. Vor allem Möwen gibt es hier zu Tausenden, und wenn sie brüten – sie legen ihre Eier auf den Boden, denn Igel oder Marder gibt es hier nicht – können sie ziemlich aggressiv werden. Zu guter Letzt: Sollte man je die Gelegenheit dazu haben, dann empfiehlt es sich, das Echo ca. 100 Meter vor der Nord-West-Spitze der Insel zu testen. Wenn es nicht gerade von einem Öltankschiff blockiert wird, ist es einzigartig.

Die Isle of May

Isle of May von Fife ausP1000698

Die Vogelwelt der Isle of May steht derjenigen auf Bass Rock in Nichts nach, jedoch kann die Insel zwischen Ostern und Oktober besucht und nicht nur vom Boot aus erforscht werden. Wie auf Inchcolm findet man hier Überreste frühchristlicher und christlicher Aktivität, die aber bei Weitem nicht so gut erhalten sind. „The May“ liegt am Eingang des Firth of Forth im Osten und wird von zwei Unternehmern in Anstruther[1] und dem Scottish Seabird Centre in North Berwick mit Ausflugsbooten angesteuert. Man hat etwa zwei Stunden Zeit, um die Insel zu erkunden, und es gibt durchaus einiges zu sehen.

Während die Funde auf der Insel schon 4000 Jahre zurück in die Jungsteinzeit reichen, taucht in den alten schottischen Chroniken zuallererst die Geschichte des Heiligen Ethernan (später Adrian genannt[2]) auf. Dieser frühchristliche Ire gründete dort ein einfaches Kloster. Die Mönche wurden wiederholt von Wikingern angegriffen und Adrian starb wie viele seiner Gefährten den Märtyrer-Tod. Begraben wurden sie in einer Steinmulde, der eventuell schon auf eine bronzezeitliche Begräbnisstätte zurückgeht. May war das ganze Mittelalter über eine wichtige Pilgerstätte, und man sagt, dass jeder Pilger der für Christen ungewöhnlichen Grabstätte einen faustgroßen Stein vom Strand hinzufügte.

Im 12. Jahrhundert gründete König David I von Schottland auf May eine Abtei, die er dem Orden von Reading in Südengland übergab, dem sein Schwager angehörte. Auch von diesen Bauwerken, einem Kloster mit einer 14 Meter langen Kirche und einem Schrein für Adrian, sind nur mehr Bruchstücke der einstigen Umrisse zu erkennen. Aufgrund der unwirtlichen Bedingungen auf der Isle of May zogen sich die Mönche aber immer mehr nach Pittenweem an der Küste zurück, und Reading Abbey verkaufte die Insel schließlich zu undurchsichtigen Bedingungen an den Bischof von St. Andrews. Während der Unabhängigkeitskämpfe zwischen Schottland und England gab es Reibereien, wem die Insel nun wirklich gehörte, und man fürchtete, England könnte sich hier einen Stützpunkt für die Spionage schaffen. Mehrmals wurde May von Engländern überfallen, geplündert und die alten Klostergebäude niedergebrannt, und sogar die Kaninchen-Baue wurden vorsätzlich zerstört.

Im 14. Jahrhundert, nach dem Sieg über die Engländer, besann man sich besonders der alten schottischen Heiligen. Auf May wurde für die zahlreichen Pilger, darunter wiederholt König Jakob IV. von Schottland, eine Kapelle errichtet, deren Ruine man heute noch sieht. Es gab auf der Insel außerdem eine heilige Quelle, die den Frauen Fruchtbarkeit schenken solle. Die Pilger-Aktivität ließ erst mit der Reformation nach, und so verkaufte der Bischof von St. Andrews Mitte des 16. Jahrhunderts die Insel. Eine kleine Gemeinde von Bauern und Schmugglern siedelte sich dort an. Im Jahr 1715 setzte man 300 fliehende Jakobiten für 8 Tage ohne Essen auf der Insel aus.

Besonders interessant für die Besucher ist die Geschichte der Leuchttürme der Insel. Man findet hier das älteste Signalfeuer Schottlands, 1636 auf einem zwölf Meter hohen rechteckigen Turm in einer metallenen Feuerschale errichtet. Die Kohlen wurden mit einem Flaschenzug nach oben gezogen, die Asche türmte sich meterhoch rund um den Turm. Das Feuer selbst war bei Nebel nur sehr schwach zu sehen. Im Jahr 1791 entzündeten sich die Ascheberge und Leuchtturmwärter George Anderson und seine Familie erlagen einer Rauchgasvergiftung. Drei Tage später fand ein Junge, der zur Insel geschickt wurde um nachzusehen, warum das Feuer nicht brannte, ein überlebendes Baby an der Brust der toten Mutter. Die Geschichte besagt, dass er das Mädchen später heiratete und mit ihr in die USA emigrierte. Auch ein neuer Kran und ein Pferd für den mühsamen Kohle-Transport konnten nichts daran ändern, dass der alte Leuchtturm nicht mehr zeitgemäß war.

1816 wurde der von Robert Stevenson geplante neue Leuchtturm, „Main Light“ in Betrieb genommen.  1886 wurde er sogar von Öl auf elektrischen Betrieb umgestellt. Dazu wurden zwei riesige 4,5-Tonnen Generatoren auf der Insel installiert. Anstelle von Spiegeln wurde das Licht mit dioptrischen Linsen ausgestattet und war nun 22 Meilen weit zu sehen, durch die Reflexion in Wolken und Wasser oft noch viel weiter. Sir Walter Scott, dem Romantiker, ist es zu verdanken, dass der alte Turm nicht abgerissen wurde. 1844 wurde an der Ostseite der Insel das „Low Light“ errichtet, ein kleinerer Leuchtturm, der die Schiffe vor dem sieben Meilen nördlich von May gelegenen, gefürchteten North Carr Rock warnen sollte. Dort hatte Stevenson versucht, einen Turm mit Glocke zu errichten, musste das Vorhaben aber abbrechen, weil nur extremes Niedrigwasser überhaupt Bauarbeiten erlaubte, und plante schließlich um auf eine pyramidenförmige Boje[3]. Für das Betreiben der Leuchttürme, der Generatoren und eines Nebelhorns waren nun mehrere Familien nötig, sodass entlang der Fluke Street in der Nähe des kleinen Süßwasser-Sees eine Häuserzeile errichtet wurde. Die Leuchtturmwärter von May verhinderten nicht nur viele Unfälle, sondern retteten auch zahlreichen Schiffbrüchigen das Leben, zuletzt der Besatzung des Schleppers George Augner im Jahr 1930. 1924 stellte man aus Kostengründen wieder auf Öl um, seit 1989 ist der Leuchtturm automatisiert. Das „Low Light“ wird von Forschern genutzt und ist nicht öffentlich zugänglich.

In den beiden Weltkriegen diente die Insel als Warn- und Signalstation. 1918 kam es zu einer folgenschweren Kollision von Kriegsschiffen und U-Booten vor der Insel, der „Battle of May Island“. Der Unfall passierte völlig ohne Feind-Beteiligung und forderte 270 Todesopfer. Diese Informationen wurden im Krieg geheim gehalten und kamen erst allmählich ans Licht. 2002 wurde im Hafen von Anstruther ein Gedenkstein errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Unterseekabel zur Aufspürung von metallenen U-Booten durch den Firth of Forth verlegt. Zwischen 1937 und 1946 waren in der Radarstation auf May bis zu 70 Marinesoldaten stationiert.

Schon 1934 gründete man auf der Insel die erste Vogel-Beobachtungsstation im alten „Low Light“, die älteste Schottlands und zweitälteste in Großbritannien. Die Vogelvielfalt ist einzigartig, und es gibt sogar eine eigene, einheimische Mäuseart. Den nördlichen Teil der Insel, Rona genannt und nur durch einen schmalen Grat mit dem Rest der Insel verbunden, sollte man aus Rücksicht auf die Brutgebiete nicht betreten. In den Wintermonaten ist May für Besucher gesperrt, damit die Robben ungestört ihre Babys aufziehen können. Im National Seabird Centre in North Berwick gibt es live-Kameras zu deren Beobachtung. Es gibt auf May auch einige Höhlen, die nur bei Ebbe begehbar sind, und wohl einst von Schmugglern genutzt wurden. Für Taucher ist May ein wahres Paradies, aufgrund der Unterwasser-Flora und Fauna, und der zahlreichen Klüfte und Höhlen in den Steilküsten.

Die Inseln im Firth of Forth bieten uns also nicht nur eine spannende Tierwelt, sondern auch einen guten Einblick in die turbulente schottische Geschichte. Auf einer Insel fühlt man sich mit dem Meer verbunden, mit seinen Lebewesen, aber auch mit seiner Urgewalt. Man kann sich gut in das raue Leben der Inselbewohner in früheren Zeiten hineinversetzen und erlebt den Firth of Forth aus einer anderen, ganz unmittelbaren Perspektive. Ein Tagesausflug in die Welt der Wasservögel, der Mönche und Leuchtturmwärter, der Schmuggler und Schiffbrüchigen lohnt sich also allemal. Nur sollte man die wetterfeste Kleidung und die Kopfbedeckung nicht vergessen, und Wind, Wetter und Gezeiten nie unterschätzen.

[1] „Anster“ gesprochen

[2] die Historiker sind sich nicht vollkommen einig, ob es sich bei Ethernan und Adrian um ein und dieselbe Person handelt. Es könnten auch zwei frühchristliche Heiligenfiguren aus dem 7. bzw. 9. Jahrhundert gewesen sein.

[3] Das ehemals bei North Carr Rock eingesetzte Leuchtschiff kann man übrigens im Hafen von Dundee besichtigen.

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