Überspringen zu Hauptinhalt
Pub-Erlebnis Edinburgh Teil 2

Pub-Erlebnis Edinburgh Teil 2

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

Pub-Erlebnis Edinburg – Teil 2: nördlich der Princes Street

Folge diesem Blog auf Facebook

Kleine Getränke-Kunde

Auf ein Bier ins Pub – aber welches Bier? In Edinburgh trinkt man vor allem Ale, also obergäriges Bier. Hier gibt es goldgelbe Varianten (Pale Ale, IPA), rötliche bis braune und auch ganz dunkle Varianten (Porter). Grundsätzlich gilt, je dunkler, desto malziger schmecken die Biere, desto mehr Röstaromen haben sie. Sie unterscheiden sich auch in der Menge des zugefügten Hopfens, der eine leicht bittere, zitronige Note erzeugt (Bitter). Die bekannteste Brauerei in Edinburgh ist die Caledonian Brewery (kurz Caly). Ihr Deuchar’s IPA (Indian oder Imperial Pale Ale, erfrischend und hopfig) ist fast in allen Lokalen vom Fass zu haben. Eine Nuance dunkler und hopfiger ist The Flying Scotsman, gefolgt von Edinburgh Castle (einem 80 Shillings Ale – nach dem früheren Preis eines Fasses benannt). Bekannt für verschiedene Ales ist auch die Broughton Brewery aus den schottischen Borders und die Belhaven Brewery in Dunbar. Belhaven’s Best ist ein karamelliges, hopfiges, mittelbraunes Ale und auch ein Klassiker vom Fass. Einheimische rufen dem Barmann einfach „A pint of Best!“ zu. In den letzten Jahren wurden zudem in ganz Schottland viele lokale Brauereien gegründet, so dass jeder Freund obergärigen Bieres hier einiges zum Durchkosten findet.

Bevorzugt man hingegen ein untergäriges, helles Bier, dann fragt man nach „Lager“. Am weitesten verbreitet und dem mitteleuropäisch geschulten Gaumen am zugänglichsten ist hier Tennent’s aus der Wellpark Brewery in Glasgow. Aber auch Belhaven stellt gutes Lager-Bier her, das man in der Flasche erhält.

Für die Whisky-Trinker empfiehlt es sich zu unterscheiden, ob ein Lokal 25 ml oder 35 ml ausschenkt. Die „double measures“ sind dementsprechend 50 ml oder 70 ml. Traditionell waren die 35 ml (früher ¼ gill) in besseren Pubs üblich, aber viele modernere Lokale sind auf die kleinere Einheit umgestiegen, oft ohne dabei die Preise zu senken.

Ob Bier, Whisky oder Wein, Edinburgh hat eine unvergleichliche Vielfalt an Pubs zu bieten.

New Town

Viktorianische Extravaganz

Am östlichen Ende der New Town, nur wenige Schritte voneinander entfernt, findet man zwei Lokale, die ob ihrer grandiosen viktorianischen Architektur sehenswert sind. Das Café Royal (19 West Register Street) wurde 1863 eröffnet. Das Guildford Arms (1 West Register Street) wurde 1896 zunächst als Geschäftslokal fertiggestellt, und zwei Jahre später zum Pub umfunktioniert. Zu dieser Zeit war die Lobby der Alkohol-Gegner stark und man wollte bewusst dem schlechten Image der alten Tavernen und Trinkstuben entgegenwirken und ein nobles Pendant dazu entwerfen. In diesem Viertel zwischen New Town und Calton Hill wurden damals Wohnhäuser und Hotels niedergerissen, um repräsentative Gebäude wie das neue Archiv, Banken und Geschäfte entstehen zu lassen. So entstanden auch die beiden Pubs mit ihren hohen Räumen, reich verzierten Decken, kunstvollen Milchglas-Fenstern, schweren Samtvorhängen und hölzernen Theken. Ein interessantes Detail im Café Royal sind die Fliesenmalereien an der Südwand, die berühmte Erfinder (z.B. Faraday, Newton, Stevenson, Watt) zeigen und auf der Inventors Exhibition 1885 ausgestellt waren, bevor sie das Pub dekorierten. Erlebenswert ist auch die Drehtür am Eingang des Guildford Arms, vor allem, wenn Touristen mit Koffern versuchen hindurchzukommen.

Das Essen im Café Royal kommt aus dem angeschlossenen Restaurant The Voodoo Rooms (vormals Oyster Bar) und ist obere Preiskategorie, aber gute Qualität.  Auch das Guildford Arms hat ein kleines Restaurant auf der Galerie, direkt unterhalb der reich verzierten Holzdecke und mit Überblick über das Bar-Geschehen. Für den genussvollen Biertrinker (insbesondere Ale-Trinker) ist das Guildford Arms auf jeden Fall einen Besuch wert. An bestimmten Wochenenden werden vier der zehn Zapfhähne einer einzelnen Brauerei überlassen, und diese vier Sorten gibt es dann zum Sonderpreis. Bierfreunde sollten also die Homepage beachten.

Der Nachteil, den beide Lokale haben, ist, dass sie allseits beliebt und immer voll sind, vor allem zur Festival-Zeit oder kurz vor Weihnachten. Ein Sitzplatz in einer der Fensternischen ist ein Glücksfall und wenn man ihn einmal ergattert hat, wagt man es dann für Stunden nicht mehr aufzustehen. Im Café Royal sieht man minütlich Touristen zur Tür hereinkommen, eine Runde um die Bar drehen, um enttäuscht durch die andere Tür das Lokal wieder zu verlassen. Um die große Enttäuschung zu vermeiden, sollte man sich gleich darauf einstellen, nur eine Runde zu drehen und zu staunen, oder vielleicht wenigstens stehend ein Bier an der Bar zu genießen (wenn man es schafft, sich bis zur Bar durchzuschlagen).

Pub-Kette in wunderschönem Gebäude

Einen Besuch wert ist das Pub The Standing Order (62-66 George Street), eine Filiale der weit verbreiteten J.D.Wetherspoon-Kette. Sehenswert ist hier vor allem das Gebäude. Die Filiale der Union Bank of Scotland wurde in den 1870er Jahren errichtet. In der Haupthalle staunt man über eine reichlich verzierte, pompöse Decke, außen zieren Säulen im neoklassizistischen Stil das Eingangsportal; jedenfalls ist die Atmosphäre einzigartig. Der Name bedeutet übersetzt „Dauer-Auftrag“ und erinnert – so wie die Statuette des Mannes mit dem Geldkoffer – an die Bankgeschäfte, die hier einst abgewickelt wurden.

Ein weiterer Grund für einen Besuch sind die moderaten Preise der Pub-Kette, mit wechselnden, sehr günstigen Spezial-Angeboten: Mexikanisch, Steak, Curry, Fisch, oft in der Kombi mit einem Getränk. Wie alle Wetherspoon-Pubs ist es daher stark frequentiert. Es kann mitunter etwas laut werden in der Haupthalle, Sitzplätze sind zu den üblichen Essenszeiten kaum zu ergattern und die Wartezeiten können etwas länger sein. Man sollte trotzdem hineingehen, wenn auch nur, um sich das Lokal von innen anzuschauen. Wer auf das spezielle Ambiente verzichten kann, findet ein paar Häuser weiter (Nummer 168) eine andere Filiale derselben Kette, The Alexander Graham Bell (benannt nach dem Erfinder des Telefons).

Gut versteckt, günstig und gruselig

Die Star Bar (1 Northumberland Place) ist etwas schwer zu finden; sie liegt inmitten georgianischer Wohnhäuser in einer Seitengasse, so dass man meist schon so richtig hungrig ist, wenn man das Lokal endlich erreicht hat. Es hat eine etwas gruselige Anekdote zu bieten: Angeblich (nicht für jeden Besucher sichtbar) gibt es hier einen Totenschädel, der laut Pachtvertrag immer im Lokal verbleiben muss. Solche Klauseln in Pachtverträgen gehen auf mittelalterliche, feudale Rechte zurück und waren in Schottland bis vor Kurzem üblich. Eine Klausel, die einen Totenschädel betrifft – Näheres zum „Besitzer“ ist nicht bekannt – ist allerdings ein besonderes Kuriosum. Im Jahr 2000 wurden solche Relikte des Feudalrechtes jedoch vom schottischen Parlament aufgehoben und somit hat die Bestimmung theoretisch heute keine Gültigkeit mehr. Trotzdem wagt es niemand, den Schädel auch nur anzufassen. Ein ehemaliger Hausherr soll ihn einst in ein anderes Pub verfrachtet haben: er wurde kurz darauf bei einer Razzia erschossen. Handwerker sollen ihn auf die Seite geschoben haben: kurz darauf brach Feuer in ihrer Werkstätte aus. Gruselgeschichten hin oder her, das Pub an sich ist auch ohne den Totenschädel eine Kuriosität.

Es ist unterteilt in zwei Ebenen, unten eine Bar mit Tischfußball, Darts und Juke-Box (10p pro Lied), Sport-Bildschirmen und ab und zu live Musik (alternativer Rock), oben eine Lounge mit Ledersofas, Hockern, uneinheitlichem Mobiliar, einem leider nicht genutzten offenen Kamin, einem leider auch nicht genutzten Klavier, und einem netten Biergarten im Innenhof. Das Essen ist sensationell günstig, die Getränke im Vergleich eher teurer und die Auswahl nicht berauschend. Das Pub ist ein bisschen in den 90er Jahren stecken geblieben, und wenn man moderne Einrichtung und top Service erwartet, ist man hier falsch. Die Atmosphäre ist aber gut, und ob seiner versteckten Lage ist das Lokal selten voll. Sollte man die Star Bar nicht finden, oder einem die Atmosphäre nicht zusagen, so kann man die nahegelegene Cumberland Bar (1-3 Cumberland Street) aufsuchen. Dort ist es etwas weniger kurios, immer nett und es gibt auch einen schönen Gastgarten im Hof.

Stockbridge

Kellerbar im ehemaligen Hippie-Viertel

The Antiquary – oder kurz „The Tic“ – 72-78 St Stephen’s Street, befindet sich in einer Straße, die vom einstigen miesen Viertel in den 1960er Jahren zur alternativen und Hippie-Gegend aufstieg. Es gab dort (und gibt sie vereinzelt noch) eine ganze Reihe interessanter Geschäfte, darunter viele Antiquitäten-Läden. Zahlreiche Künstler siedelten sich in Stockbridge an, und das Viertel lieferte Stoff für Bücher und Filme. Das Pub leitet seinen Namen nicht nur von den Antiquariaten, sondern vom gleichnamigen Roman Sir Walter Scotts ab, einem Band der Waverley Serie, die in Scotts eigenen Worten das Leben und die Sitten der Schotten des ausgehenden 18. Jahrhunderts dokumentieren soll. Auch heute findet man neben Pubs und Restaurants hier Tanzschulen, Plattenläden und alternative Buchverleger, kurz ein kreatives Misch-Masch. Doch in den letzten Jahren wird das Viertel immer mehr „up-market“, und viele der Lokale sprechen eher die Klientele der Krawatten-Träger und Designer-Handtaschen-Damen an.

Im Antiquary ist das Publikum jedoch bunt gemischt und die Preise akzeptabel. Die Einrichtung ist eher unprätentiös. Das Lokal befindet sich im Tiefgeschoß mit ein paar Hockern für Raucher im Lichtschacht zwischen Gebäude und Gehsteig. Nicht zu verachten ist die Küche, die Mittwoch bis Sonntag geöffnet hat: Der exzellente Chef-Koch bereitet wöchentlich wechselnde Gerichte frisch zu, insbesondere Fisch und Wild von regionalen Lieferanten. Bekannt ist das Lokal für sein ausgiebiges Sonntags-Frühstück (11-15 Uhr). Außerdem gibt es dienstags Poker, mittwochs Pub-Quiz und donnerstags eine Folk-Music-Session. Auch einen großen Fernseher für Sport-Übertragungen findet man hier. Weil das Pub sich aber in mehrere Räume und Nischen aufteilt, gibt es genügend Möglichkeiten, sich trotz Fußballs in normaler Lautstärke zu unterhalten.

Portobello

Keltische Kultur in Top-Lage

Das Pub Dalriada liegt am östlichen Ende der Promenade von Portobello (Nummer 77), dem Stadtstrand von Edinburgh. Einst ein Bade- und Vergnügungsort mit Pier, Riesenrad, Achterbahn und Konzerthalle, ist heute nur noch die Promenade und ein viktorianisches Hallenbad übrig. Am Strand und in der High Street gibt es günstige Cafés und Eis-Läden, und seit einigen Jahren ein Pub mit Namen Dalriada. Dieser Name bezeichnet das einstige Königreich der Skoten in Irland und Westschottland, auf das sich die gälische Sprache und irisch-schottische kulturelle Gemeinsamkeiten weitgehend begründen.

In der Villa direkt am Strand mit herrlichem Ausblick gibt es einen Café- und einen Barbereich sowie einige Tische auf der Terrasse. Mittwoch bis Sonntag gibt es live Musik, natürlich keltischen Folk. Zur Mittagszeit gibt es auch Kleinigkeiten zu essen, zum Beispiel Suppen, Paninis oder Räucherlachs. Im Winter kann man es sich am offenen Kamin so richtig gemütlich machen.

Leith

Urige, alte Tavernen und Hafenkneipen

Leith hat sich in den letzten Jahren sehr stark verändert. Einst wichtige, eigenständige Hafenstadt, dann eher heruntergekommene Gegend, 1920 von Edinburgh eingemeindet und heute schicke Restaurantmeile an der Flussmündung. Ein Spaziergang entlang der „Shore“ mit den dort verankerten Schiffen oder eine Besichtigung der Royal Yacht Britannia sind immer empfehlenswert. Die Restaurants sind eher von der nobleren Sorte und spezialisieren sich auf Fisch und Meeresfrüchte. Wer zu akzeptablen Preisen essen will, der sollte sich Pub-ähnliche Lokale wie zum Beispiel das The King’s Wark (36 Shore, ältestes Gebäude in Leith aus 1438) aussuchen, wo man auch Fischgerichte essen kann, jedoch nicht ganz so luxuriös. Die Pubs ändern laufend ihre Namen und Pächter, manche entwickeln sich von traditionellen Kneipen zu schicken Lokalen zum „Vorglühen“ für die Nachtclub-Besucher. Zwei Klassiker will ich hier jedoch kurz beschreiben.

Erwähnenswert ist das Carrier’s Quarters (42 Bernard Street), ältestes Pub in Leith. Es existiert seit 1785, und nach mehreren Namensänderungen kam es wieder zur ursprünglichen Bezeichnung der einstigen Taverne zurück. „Carrier“ wäre modern ausgedrückt der Schiffsspediteur; vielleicht gingen hier einst die Handelsleute auf ein Bier. Der vordere, kleine Raum mit der niedrigen Zimmerdecke wird fast zur Gänze von der Bar ausgefüllt. In der kleinen Nische am Fenster saßen früher die Prostituierten und warteten aufs Geschäft. Doch das ist lange her und dieses Geschäft wurde auf den Straßenstrich verlegt. Im Hinterzimmer findet man unverputzte Steinwände, Kaminfeuer und Ledersofas. In der kleinen Küche bereitet man einfaches Pub-Food, die Steak Pies sind berühmt aber schnell ausverkauft. Ab und zu gibt es live Musik; derzeit spielt jeden Sonntag um halb sieben die Stammband „The Jammy Devils“ (gemütlicher Rock).

Wer richtiges Seemanns-Feeling haben will, dem sei das Pub The Port O’Leith (58 Constitution Street) empfohlen. Hier haben schon immer die Seeleute ihr Bier getrunken, oft auch das eine oder andere Bier zu viel. Die Deko besteht aus Schiffsflaggen aus aller Herren Länder, Bojen und Rettungswesten. An Wochentagen ist es ruhig, doch am Wochenende herrscht oft Partystimmung, Alkohol fließt in Strömen, es wird getanzt (ab und an auch auf der Bar – mangels Tanzfläche) und sämtliche bekannten Lieder werden fleißig mitgegrölt. Der echte Matrose trinkt hier natürlich Rum.

An den Anfang scrollen