Überspringen zu Hauptinhalt
Kaffee(haus)kultur In Schottland

Kaffee(haus)kultur in Schottland

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

Folge diesem Blog auf Facebook

Kaffee(haus)kultur in Schottland

Großbritannien gilt als Land des Tees. Doch wie sieht es mit Espresso, Cappuccino und Cafè Latte im Schottland-Urlaub aus? Gibt es Lokalitäten, die mit unseren Kaffeehäusern vergleichbar sind? Und wie erkenne ich von außen, was mich innen erwartet? Kaffeespezialitäten, Kuchen und Snacks, die verschiedenen Typen von Cafés und was man darüber wissen sollte.

Kaffee oder Tee?

In Österreich haben geschätzte 90 Prozent der Haushalte eine Kaffeemaschine, und vielleicht zehn Prozent einen Wasserkocher. In Großbritannien ist das Verhältnis umgekehrt. In jedem Hotel- oder B&B-Zimmer gehört ein Wasserkocher zur Standard-Ausrüstung, und man kann sich jederzeit eine Tasse Tee oder Löskaffee machen. Obwohl die Briten immer schon als die Tee-trinkende Nation bekannt waren, und Kaffee einst ein elitäres Männergetränk war, hat in den letzten Jahrzehnten ein langsamer Wandel begonnen. Kaffee ist in, die Begriffe „café“ und „coffeehouse“ haben den traditionellen „tearoom“ schon beinahe abgelöst. Vor allem zu Hause trinken die Briten aber immer noch gerne ihren Tee, und die Anzahl der Kaffeemaschinen wird die der Wasserkocher mit Sicherheit nie einholen. Nicht zuletzt dank Ikea verbreitet sich aber schön langsam richtiger, d.h. nicht löslicher, Kaffee, der in Glaszylindern mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher übergossen und dann mit einem Kolben nach unten gedrückt wird. Auch beim Frühstück in so mancher Pension wird einem ein solcher gläserner Kaffee-Zubereiter auf den Tisch gestellt.

Wenn man nun unterwegs Lust auf einen Kaffee bekommt, sollte man am besten schon am äußeren Erscheinungsbild einer Lokalität erkennen, worauf man sich einlässt. Darum hier ein grober Überblick über die Arten schottischer Cafés aus der Sicht einer Österreicherin:

Typ 1: Das Billige

Von außen sieht es aus wie ein Geschäftslokal, in der Auslage hängt eine Leuchtreklame, die „open“ verkündet, und ein Anschlag des letzten „Food Hygiene Rating“. Eine große Aufschrift lässt wissen, dass es hier „All Day Breakfast“ gibt. Wagt man einen Schritt zur Tür hinein, kommt einem der Geruch von Frittieröl entgegen. Das typische Innenleben eines solchen Cafés sieht in etwa so aus: Mobilar aus stark abgewetzten Spanplattentischen und Kunststoffsesseln. Der Boden ist verfliest, im hinteren Bereich gibt es eine Theke. Auf den Tischen findet man Plastikflaschen mit Malzessig (für die Pommes).

Wenn man hier einen Kaffee bestellt, erhält man Löskaffee. Im besten Falle ist es eine Tasse heißen Wassers mit einem Stick Instant-Kaffee, vielleicht auch noch der Luxus einer Untertasse. In dem kleinen Plastikbehälter dazu ist Haltbarmilch, keine Kaffeesahne. Im miesesten Fall ist der Löskaffee bereits eingerührt. Das bedeutet, dass es sich um die Billigmarke in der Großpackung handelt (es gibt tatsächlich Qualitätsunterschiede bei Löskaffee). Hat man besonders großes Glück, so steht hinter der Theke eine Filtermaschine mit einer Kanne voll Kaffee auf der Warmhalteplatte, seit Stunden.

Die Lösung:
Schwarzen Tee trinken. Auch billige Marken in Schottland schmecken nach mehr als das, was man bei uns im Supermarkt bekommt. Und bloß nicht nach Zitrone fragen! Man kann in solchen Cafés günstig und ausgiebig frühstücken, wenn man es mal deftig möchte. Auch für den Mörderhunger zwischendurch sind sie optimal, vielleicht eine Haggis roll oder doch den kompletten Fry-up? Wenn es draußen so richtig ungemütlich kalt ist, dann ist das sozusagen „comfort food“.

Typ 2: Die internationale Kette

Starbucks, Caffè Nero, Costa und so weiter findet man in allen größeren Städten Schottlands und überall dort, wo die Leute sich die etwas überteuerten Preise leisten können oder keine Wahl haben, so zum Beispiel auf Flughäfen. Die Cafés sind als eine Art Lounge konzipiert, mit Lehnsesseln und Sofas, in die man versinkt und nicht so leicht wieder aufstehen kann. Es ertönt dezente Hintergrundmusik und das Licht ist gedämpft. Man muss an der Theke bestellen und bezahlen, und dann warten. Hat man „large“ oder „tall“ bestellt, bekommt man Kaffeespezialitäten in riesigen, Suppenschüssel-artigen Schalen. Dazu gibt es Kuchen, Cookies und Muffins. Meist kann man die Getränke wahlweise auch mit Leichtmilch oder Sojamilch haben.

Die bekannteste Filiale von Starbucks in Edinburgh findet man in der Princes Street, im ersten Stock mit großen, verzierten Glasfenstern und wunderschönem Blick auf Edinburgh Castle und die Princes Street Gardens. Man erzählt, dass J.K. Rowling hier ihren letzten Harry Potter Band geschrieben hat (andere Bände schrieb sie im The Elephant House an der George IV Bridge und im Balmoral Hotel. Gibt es überhaupt ein Café in Edinburgh wo sie nicht geschrieben hat? Ja, das Artisan Roast in der Broughton Street proklamiert auf einem Schild, Rowling habe dort nie geschrieben.). Im Sommer ist diese Starbucks-Filiale sehr voll, man steht in der Schlange, und Sitzplätze am Fenster sind schwer zu ergattern. Hier gibt es keine Lehnsessel, denn es ist nicht erwünscht, dass die Touristen lange sitzen bleiben.

Typ 3: Der Tearoom, der sich jetzt Café nennt

Edle Glasfenster zieren die Außenfassade, das Holz um die Fenster ist frisch gestrichen, in Schwarz, Rot, Mintgrün oder Royalblau. Meist ist ein Café dieser Art mit hellen Holzmöbeln eingerichtet, die Wände zieren Bilder aus alten Zeiten. Manchmal ist man auch nicht ganz sicher, ob die Einrichtung im shabby-chic Retro-Stil oder einfach original alt ist, in jedem Fall ist sie eher geschmackvoll und etwas origineller als in den meisten Cafés bei uns. Es lohnt sich, mal auf die Details zu schauen. Es gibt verschiedene Varianten dieses Cafés, von nobel über traditionell bis modern und leicht alternativ angehaucht gibt es hier alles. Wenn man Glück hat, wird die Bestellung sogar bei Tisch aufgenommen.

Der Kaffee ist hier durchaus trinkbar, doch man könnte auch nach britischer Tradition Tee trinken. Meist wird der Tee in einem Kännchen serviert, vielleicht sogar auf einem eigenen Tablett und mit einer Teehaube. Wie wäre es mit einem Cream Tea, das heißt einem Kännchen Tee, und dazu Scones mit Clotted Cream und Marmelade (Clotted Cream ist ungefähr was entsteht, wenn man Schlagsahne etwas zu lang schlägt und sie fast zur Butter wird)? Auch das eignet sich hervorragend als „comfort food“ für kalte Tage. Die Kuchen sind eher süß, mit einer dicken weißen Schicht Zuckerglasur oder Creme bedeckt. Oft findet man auch Fern Cakes (dieselbe weiße Creme diesmal als Fülle einer kleinen Tarte), Caramel Slices (zerstampfte Shortbread-Kekse mit einer Schicht Karamell und einer Schicht Schokolade), Fruit Slices (mit Trockenfrüchten, mit etwas Glück von weißer Zuckerglasur bedeckt), oder Empire Biscuits (eine Abwandlung von Linzer Augen, mit meist nur einem „Auge“ aus kandierter Kirsche und reichlich Zuckerglasur). Schlicht und einfach ein Paradies für besonders zuckersüße Naschkatzen.

Kaffeehäuser dieser Art bieten meist auch kleinere pikante Snacks, besonders um die Mittagszeit. Man isst hier gebundene Gemüsesuppen (z.B. carrot and coriander soup, broccoli and Stilton soup, leek and potato soup, butternut squash soup,…) mit einem Brötchen und Butter, oder in der Kombi mit einem Sandwich, getoastet oder auch nicht. Die Speisekarte oder Tafel verkündet oft Lite-Bites (so geschrieben), wobei es sich um nicht unbedingt kalorienarme Snacks vom Sandwich oder Toastie bis zum Jacket Potato oder Burger handeln kann. In ganz moderneren Cafés findet man eher Wraps und Paninis. Bestellt man Salat, dann darf man in einfacheren Lokalen keine Marinade aus Essig und Öl erwarten, sondern unmarinierte Blattsalate mit Coleslaw, also Mayonnaise-Salat, oder Sour Cream Sauce. Diese Salate gibt es in unterschiedlichen Varianten, vorzugsweise mit Thunfisch oder Hühnerbrust. Dank Fernsehkoch Jamie Oliver findet man bisweilen auch Cocktailtomaten, gehobelten Parmesan und Rucola, denn mediterran ist modern. Aber auch Jamie hat es noch nicht geschafft, dass bis ins Village Coffee House die Mayonnaise durch Olivenöl und Balsamico-Essig abgelöst wird.

28379118_2029434817272491_4878349853607614502_n 28468349_2029435363939103_5958880865231481511_n 28424915_2029435410605765_9020601981823159848_o

Typ 4: Der Kiosk

Die typisch britischen Polizei-Zellen haben Kultstatus erlangt, als die Zeitmaschine „Tardis“ in der Fernsehserie Doctor Who als Tarnung die Form einer solchen kleinen Zelle hatte. Sie dienten früher vor allem als Telefonverbindung zur nächsten Polizeistation, mitunter auch als Kurzzeit-Gefängniszelle. Die roten und blauen Hüttchen haben längst ihre ursprüngliche Funktion verloren, und die wenigen, die erhalten blieben, werden heute zum Teil als Kaffee-Kiosk genutzt. Man findet deren fünf Stück in Edinburgh und vier in Glasgow. Zahlreiche weitere stehen leer oder haben anderweitig Verwendung gefunden, etwa als Mini-Kunstgalerien. Die Steh-Cafés sind bei Touristen als Fotomotiv sehr beliebt.

In jedem größeren Bahnhof findet man außerdem einen oder mehrere Kaffee-Kioske, zum Beispiel von AMT-Coffee oder Pumpkin Café. Einem schnellen Kaffee vor der Abreise, bei AMT sogar bio und fairtrade, steht also nichts mehr im Wege. Soll es nun ein „Tall Latte“ (großer Cafè Latte) oder ein „Americano“ (Filterkaffee) sein? Oder doch lieber ein typisch britischer Tee? Ein heißes Getränk bekommt einem beim eher kühlen schottischen Wetter garantiert immer wieder gut.

 

An den Anfang scrollen