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Faszination Highland Games

Faszination Highland Games

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Knapp drei Meter lang und 30 kg schwer ist der Baumstamm, den meine Hände umklammern. Er lehnt an meiner Schulter. Sobald ich ihn hochgehoben habe, muss ich mich vorwärtsbewegen, sonst kann ich ihn nicht im Gleichgewicht halten. Nach ein paar Schritten schiebe ich das Ende mit ganzer Kraft nach vorne oben. Tatsächlich überschlägt er sich. Doch das war nur die Damen-Variante des berühmten „Caber Tossing“-Bewerbs. Der Baumstamm für die Herren ist noch länger und schwerer. Bei Highland Games in Schottland – im Gegensatz zu den vom Royal Highland Club Obertrum organisierten, wo ich mich versucht habe – geht es dabei nicht um die Wurfweite. Der Stamm sollte sich einmal überschlagen und in möglichst gerader Richtung liegenbleiben. Volle Punkte erhält man für die 12-Uhr-Position. Beim Gewichts-Hochwurf über die Stange verwendet man im Salzburger Flachgau leere Bierfässer statt der originalen Metallgewichte. Doch die Athleten sind wie ihre schottischen Vorbilder im Kilt gekleidet und zeigen unglaubliche Kraft und Geschicklichkeit.

Warum sind schottische Highland Games hierzulande so beliebt?

Highland Games gibt es überall dort, wo sich viele schottische Auswanderer niederließen und ein starkes Bedürfnis haben, nach ihren kulturellen Wurzeln zu suchen, die in der neuen Heimat fehlen. So zum Beispiel in den USA, Kanada, Australien, aber auch Argentinien oder Japan. Die Highlander in Zentraleuropa aber sind sich dessen bewusst, dass sie meist keine schottischen Vorfahren haben und eigentlich nur Schotten spielen. Was macht also den Reiz von solchen Spielen aus?

Highland Games verkörpern ein Schottland der Vergangenheit und haben mit dem modernen Schottland wenig zu tun. Die Teilnehmer erschaffen sich eine schottische Traumwelt, die etwas repräsentiert, was wir vielleicht durch Modernisierung, Urbanisierung und Globalisierung verloren haben: das Primitive, das Heroische, den Kampf der Unterdrückten um Anerkennung. Wir lieben unsere „keltischen Verwandten“, weil unsere eigene Kulturgeschichte leider schwierig ist, zumal sie oft politisch missbraucht wurde.

Highland Games bedeuten Spaß, man kann wild sein, feiern, Abstand zum Alltag gewinnen, den Schranken der modernen Welt für ein paar Stunden entkommen, um seinen inneren „Highlander“ zu entdecken. Sie sind ein farbenfrohes Schauspiel, das etwas Ähnlichkeit mit der Mittelalter- und Re-Enactment-Szene oder dem Cowboy- und Indianer-Spielen hat, nur dass letzteres in der heutigen Zeit nicht mehr als politisch korrekt gilt. Und – last but not least – Männer in Kilts sind der Inbegriff von Männlichkeit, und einfach sexy. Oft sind es also die Frauen, die mit Begeisterung dabei sind, wenn die Männer im Kilt ihre körperlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Und Filme wie Highlander, Braveheart, und kürzlich die Outlander-Serie haben das Ihrige dazu beigetragen, das Idealbild des ungezähmten, erotischen Highlanders in alle Welt zu tragen.

Wie kann man sich Highland Games vorstellen – in Schottland und bei uns?

Highland Games in Schottland sind wie riesige Volksfeste. Rund um das Wettkampfgelände gibt es Stände der Clan-Societies, Souvenir-Shops, Getränke, Essen, Ringelspiele, Showbühnen, Viehmärkte, Schaukämpfe u.s.w. und hunderte Einheimische wie Touristen besuchen das Spektakel, das meist mit dem Einmarsch der Dudelsack-Bands eröffnet wird.

Die athletischen Bewerbe selbst sind standardisiert, die Teilnehmer trainieren das ganze Jahr über hart. Es gibt aber nicht nur Baumstamm-werfen und Seilziehen. Zu den Bewerben bei Highland Games in Schottland zählen:

· Heavy Athletics, z.B. Steinwurf, Baumstamm-Wurf (toss the caber), Hammerwurf

· Leichtathletische Disziplinen

· Kinderbewerbe wie Sackhüpfen, Eierlauf,…

· Dudelsack-Bewerbe

· Highland Dance Bewerbe

· Hundesport-Bewerbe

Bei Highland Games in Österreich ist die Auswahl der Bewerbe meist etwas weniger „athletisch“, es gibt also auch Spaß-Bewerbe wie Bier-Wetttrinken etc.. Wie in Schottland tragen die Teilnehmer Kilts. In Österreich gibt es hauptsächlich Mannschafts-Wettkämpfe sogenannter „Clans“, die sich aus Vereinen oder Firmen rekrutieren. Natürlich findet man auch ein Rahmenprogramm mit schottischer Musik, Showeinlagen u.ä.. Allerdings gibt es auch hierzulande Veranstaltungen, die nach dem Reglement der schottischen Dachorganisation ausgetragen werden, und deren Sieger sich auch an internationalen Gatherings beteiligen. Für den nötigen Ernst sorgt hier seit 2010 die Austrian Highland Games Federation.


Mythos oder Wahrheit – die Geschichte der Highland Games

Um die Entstehung der Highland Games und Gatherings drehen sich viele Mythen. Man verbindet sie mit Clans, Kriegern und Königen und möchte sie gerne so tief wie möglich in der Geschichte der Highlands verwurzeln. Die Schotten hören es sicher nicht gerne, dass sowohl die Iren als auch die Engländer ihre Finger im Spiel hatten.

Fest steht, dass es mehrere Vorformen gibt:

· Ursprünge in Irland
Das Volk der Skoten brachte im 6. Jahrhundert aus Irland die Tradition der „Tailteann Games“ mit, als sie den Westen Schottlands besiedelten. Es handelte sich um frühe Leichtathletik- und Kampf-Bewerbe in Kombination mit religiösen Festen, die in Irland selbst nur bis zum 12. Jahrhundert in dieser Form existierten.

· Partnersuche und Prahlerei
Die Bevölkerung der Highlands lebte in verstreuten, kleinen Siedlungen, und neben Hochzeiten und Begräbnissen gab es unterschiedliche Arten der Zusammenkünfte, zum Beispiel an Feier- oder Markttagen. Diese dienten sozialen Zwecken: es wurde also musiziert, getanzt, gälische Geschichten erzählt, Kontakte geknüpft und nach möglichen Ehepartnern Ausschau gehalten. Bei diesen Anlässen gab es Geschicklichkeits- und Kraftdemonstrationen. Weil harte Arbeit Teil des täglichen Lebens war, zählten körperliche Fähigkeiten als sehr hohe Werte.

· Clan-Versammlungen
Ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich in Schottland das Clan-Wesen. In dieser Zeit gab es Clan Gatherings, die entweder dem Regeln von Clan-Angelegenheiten oder der Kundmachung von Vorschriften dienten, oder der Demonstration von Können und Macht bei Geschicklichkeits- und Kraftbewerben. Größere und kleinere Auseinandersetzungen unter den Clans waren an der Tagesordnung, und so war körperliche Ertüchtigung als Vorbereitung für den Kampf unerlässlich. Eine Legende besagt, dass König Malcolm Canmore einen solchen Laufwettbewerb inszenierte, um einen geeigneten Boten für seine Dienste auszuwählen.

· Highlands und Lowlands
Der Begriff des „Highlanders“ entstand erst, als sich der dichter besiedelte südliche Teil Schottlands immer mehr anglisierte und von den in Clans organisierten „Barbaren“ im Norden distanzieren wollte. Im 18. Jahrhundert wurden Gatherings veranstaltet, um unter den Highlandern Truppen für die Jakobiten-Aufstände gegen die Engländer zu rekrutieren oder diese in Vorbereitung auf die Schlachten im Umgang mit Waffen zu trainieren.

Eine traurige Geschichte: Tod und Wiederbelebung

Nach der Niederschlagung der Jakobiten-Aufstände wurde im Act of Proscription 1747 die Highland-Kultur fast gänzlich ausgelöscht. Die gälische Sprache, das Tragen des Kilts, der Dudelsack und jede Art von Gathering oder Games wurden verboten. Obwohl dieses Gesetz 1782 wieder aufgehoben wurde, waren die alten Traditionen unwiederbringlich weg. Auch das alte Clan-System ging verloren. Die Clan-Chiefs selbst wurden oft zu Landeigentümern und vertrieben die eigenen Untertanen zugunsten der Schafzucht.

Erst im 19. Jahrhundert wurden die Highland Games wiederbelebt. Diesmal waren es aber nicht die Highlander, sondern reiche Engländer und Lowlander, die sich Urlaub in den Highlands leisten konnten und diese Spiele für sich neu erfanden. Schottland galt für sie als Destination für Sport- und Spiel-Tourismus. Sie organisierten sich in Highland Societies, und als großes Vorbild galt Queen Victoria, die sich 1848 ein Schloss in Balmoral kaufte und die Patronage des Braemar Highland Gatherings übernahm. Es waren also just diejenigen, die die ursprünglichen Bräuche ausgerottet und verboten hatten, die sie jetzt neu begründeten. Die Einheimischen waren zunächst davon ausgeschlossen, und die oberen Schichten aus dem Süden machten sich ihre eigenen Regeln und kontrollierten somit, wie sich „schottische“ Kultur entwickeln durfte. Bei den Games wurden auch Soldaten für die britische Armee angeworben. Die romantische Bewegung in Kultur und Literatur, insbesondere die Romane Walter Scotts, trugen ebenfalls zur Idealisierung und Verklärung der Highland-Kultur bei.

Man kann also sagen, dass es keine durchgängige Tradition von Highland Games in Schottland gibt. Das kulturelle Erbe wurde hier nicht völlig neu erschaffen, aber erst als die ursprüngliche Tradition ausgelöscht war, konnte sie aufgrund historischer Vorformen wiederbelebt werden. Sie wurde jetzt ein Mittel, um ein künstliches schottisch-nationales Kulturbewusstsein zu schaffen. Dieses wurde von Highlandern, die ihre Heimat aufgrund der Clearances in Richtung der Städte verlassen hatten, und von ausgewanderten Schotten auf der ganzen Welt, dankbar angenommen. Es spielt bis heute eine große Rolle in der schottischen Nationalbewegung und wird auch als Motor für den Tourismus gefördert. Und die begeisterten Schottland-Touristen, die Braveheart- und Highlander-Fans tragen es in die ganze Welt hinaus, sogar bis nach Obertrum in den Salzburger Flachgau. Und so versuche ich bei den Obertrumer Games mit wenig Erfolg, einen schweren Autoreifen zu werfen, so dass er genau um einen Holzpflock zu liegen kommt. Aber, wie bei den Olympischen Spielen, dabei sein ist alles, und viele starke Männer im Kilt gab es allemal zu bewundern.

Der Royal Highland Club Obertrum veranstaltet dieses Jahr die Highland Games in Hallein auf der Pernerinsel, in Kooperation mit dem Keltenmuseum. Termin: Samstag, 05. September 2020

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