Überspringen zu Hauptinhalt
Edinburgh Versus Glasgow

Edinburgh versus Glasgow

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

Folge diesem Blog auf Facebook

Edinburgh versus Glasgow

Gegensätzlichkeit und ein uraltes Misstrauen zeichnet die Beziehung dieser beiden Städte aus. Kommt man als Glaswegian (so nennen sich die Bewohner Glasgows, kurz: Weegie) nach Edinburgh, muss man sich fast dafür entschuldigen. Und umgekehrt. Niemals könnte man zugeben, dass die jeweils andere Stadt ihre guten Seiten hat, ohne sofort auch die schlechten aufzuzählen. Es ist ungefähr so, als hätte eine Stadt der anderen vor geraumer Zeit etwas gestohlen, und die andere Stadt ihr nie verziehen. Ich selbst habe zehn Monate in Glasgow gelebt. Wenn ich heute als Touristin nach Schottland reise, verbringe ich aber mehr Zeit in Edinburgh. Immer wieder habe ich deshalb einen Hauch von schlechtem Gewissen, weil ich „meinem“ Glasgow nicht treu bleibe. Zugegeben, für Touristen ist Edinburgh attraktiver.

Imposant versus verspielt

Es mag einen ob dieser uralten Kontroverse sehr wundern, dass die beiden Städte  nicht einmal eine Autostunde voneinander entfernt liegen. Alle 15 Minuten fährt ein Zug zwischen den Metropolen hin und her, dazu kommen ebensoviele Busse. So manch ein Glaswegian pendelt nach Edinburgh und umgekehrt. Dennoch, wenn man in der jeweils anderen Stadt aus dem Zug aussteigt, ist man beinahe in einer anderen Welt.

Vom Erscheinungsbild sind die beiden Städte grundverschieden. Edinburgh besitzt einen mittelalterlichen Stadtkern, der von einer Burg überragt wird, und eine georgianische New Town, ein vor etwa 200 Jahren neu angelegtes Stadtviertel, mit klaren, symmetrischen Formen, eindrucksvoll, aber schlicht. Wenn man aus Glasgow kommend in Waverley aus dem Zug steigt, dann muss man doch zugeben, dass Edinburgh imposant ist, und zwar ohne dadurch an Behaglichkeit und Idylle zu verlieren.

Glasgow hingegen hatte seine Blütezeit im 19. Jahrhundert, in viktorianischer Zeit. Die Straßen im Zentrum sind geradlinig und rechtwinkelig, die Gebäude verspielt und blumig mit Säulen, Erkern, Kopien der Gotik und der Antike. Zwischen griechischen Tempeln, venezianischen Palästen und Jugendstilgebäuden findet man aber zahlreiche baufällige Ruinen, vernachlässigte Hinterhöfe und schmutzige Gässchen.

Industrie versus Tourismus

Der Reichtum von Glasgow baute auf die Industrie. „Clydebuilt“ stand einst auf Schiffen und Zügen, die rund um die Welt ihren Dienst taten und in der Stadt am Clyde gebaut wurden. „Clydebuilt“ steht auch heute noch stolz auf manchem Produkt, das in Glasgow produziert wurde, zum Beispiel auf Textilien, in Erinnerung an gute alte Zeiten. Krimiautor Ian Rankin erzählt, dass er einmal seine Stereo-Anlage zerlegte und dort den Schriftzug „Clydebuilt“ an versteckter Stelle vorfand. Auch eine Bar, eine Tischlerei und ein Puppentheater sind danach benannt. Der Begriff steht für Qualität und Selbstbewusstsein einer Stadt. Neben Schiffsbau und Schwerindustrie lebte Glasgow auch vom Handel, vor allem mit Tabak. Doch die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit machte der Stadt schwer zu schaffen, und der Niedergang der Schwerindustrie in den 1950er und 60er-Jahren verschlimmerte die Lage. Es gab Armut und Elend, Massenarbeitslosigkeit und undenkbare soziale Verhältnisse. Berüchtigt war das Glasgow Tenement, das Stadthaus, in dem oft ganze Großfamilien in einem einzigen Zimmer ohne Toilette hausten. Die Wirtschaft ging den Bach hinunter, und beinahe hätte sie eine ganze Stadt mit sich gezogen.

Doch Glasgow hat die Gabe, die Lage selbst in die Hand zu nehmen und trotz der schlechten Zeiten immer wieder Stärke zu zeigen. Als Lösung für die katastrophalen Zustände in den Tenements sah man in den 1960er und 70er-Jahren den Bau von modernen Hochhaustürmen. Ganze vertikale Vorstädte aus Beton wurden in die Höhe gezogen und die Menschen umgesiedelt. Apartments im zwanzigsten Stock mit modernen Küchen und Bädern waren damals der letzte Schrei; mittlerweile sind die Tower Blocks in die Jahre gekommenen, die einstigen Vorzeige-Viertel sind zu Ghettos verkommen und die Ideen des modernen sozialen Wohnbaus haben sich zum Glück etwas verändert. Aber Glasgow hat bewiesen, dass es seine Probleme immer wieder aufs Neue angeht: Es wird revitalisiert, erneuert und aufpoliert, und es werden Hochhäuser gesprengt. Man spürt die Bemühungen einer Stadt, aus dem Schattendasein – dem Schatten Edinburghs – herauszutreten. Glasgow profiliert sich nicht nur mit Wohnbau-Projekten, sondern mit markanten neuen Gebäuden gestaltet von namhaften Architekten (Clyde Auditorium von Norman Foster, Riverside Museum von Zaha Hadid), mit renommierten internationalen Veranstaltungen (Commonwealth Games 2014), und nicht zuletzt mit der Hinterlassenschaft des Charles Rennie Mackintosh, eines wichtigen Vorreiters des Jugendstils und der Moderne.

Edinburgh hingegen trafen diese Probleme nie im selben Ausmaß. Seine Wirtschaft basierte auf Handel, Bankenwesen und Verwaltung, und nur zu einem geringen Anteil auf Industrie. Edinburgh war und ist irgendwie eine Hauptstadt ohne eigenen Staat. Heute ist der größte Wirtschaftsfaktor der Tourismus. Dem entsprechend besinnt man sich hier auf Geschichte, Tradition und Folklore. Nirgendwo auf der Welt ist die Dichte an Souvenirshops höher, an jeder Ecke hört man Dudelsack-Klänge, sieht Kilts und Tartans und Whisky-Läden. Die Bewohner Edinburghs sind Weltmeister im Vermarkten ihrer Kultur. Das Military Tattoo wurde zur Großveranstaltung aufgeblasen und lockt jährlich zehntausende Besucher aus aller Welt an. Das klassische Kulturfestival im Sommer wird noch übertroffen vom Fringe Festival, dem zur selben Zeit stattfindenden alternativen Festival für junge Künstler aus den Bereichen Theater, Musik und Kabarett. Die Stadt wird zum Getümmel der internationalen Kulturszene. Sogar Edinburghs Hogmanay, die Silvesterfeierlichkeiten, sind weit über die Grenzen hinaus bekannt. Man weiß hier eben zu feiern, und vor allem damit Gäste anzulocken.

Weltkulturerbe versus Kulturhauptstadt

Alt- und Neustadt von Edinburgh wurden 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Aber auch dem kann Glasgow etwas entgegensetzen: Es war 1990 Kulturhauptstadt Europas. Auch hier bewies die Stadt am Clyde ihre Stärke und brachte die nötigen Investitionen fast zur Gänze selbst auf. 1983 startete man eine Werbe-Campagne, die das Image der Stadt verbessern sollte: Ein Bild eines personifizierten Smileys, der Comic-Figur Mr. Happy, mit dem Slogan „Glasgow’s Miles Better“, verbreitete Optimismus und eine neue Sichtweise auf die Stadt. „Miles better als was?“, könnte man sich fragen. Dies scheint wohl eine Anspielung auf Edinburgh und seine Royal Mile zu sein. Auch damals definierte sich Glasgow gerne als Gegensatz zu Edinburgh. “Edinburgh! A castle, a smile and a song…One out of three isn’t bad.” lacht man über den östlichen Konkurrenten. Man hat stets das Gefühl, die Stadt am Clyde will bewusst nicht so sein wie der Erzrivale: Souvenirshops findet man in Glasgow zum Beispiel fast überhaupt nicht, als wäre es Absicht. Man kann den Slogan aber auch als „Glasgow smiles better“ lesen. Hoffentlich nicht erinnern soll er an den „Glasgow Smile“, einer Foltermethode, bei der die Mundwinkel eingeschnitten werden (übrigens der Name einer österreichischen Rockband). Meilensteine in dieser Campagne waren nicht nur die Ernennung zur Kulturhauptstadt, sondern auch das sehr erfolgreiche International Garden Festival 1988, veranstaltet in den stillgelegten Schiffswerften.  

Lokales Derby

Auch sprachlich sind Glasgow und Edinburgh fast zwei Welten. Das liegt daran, dass die zahlreichen irischen Einwanderer, die sich im 19. Jahrhundert großteils im Westen niederließen, im dortigen Dialekt ihre Spuren hinterließen. Sie brachten auch ihre Religion, den Katholizismus, mit sich und gründeten ihre eigenen Clubs, ihre eigenen Siedlungen und Schulen.  Es entwickelte sich eine Art irisch-katholische Sub-Kultur, die im 20. Jahrhundert durch katholische osteuropäische Einwanderer noch einmal verstärkt wurde. Bis heute hat sich diese Rivalität vor allem im Fußball gehalten. Wenn die beiden lokalen Vereine Celtic (katholisch) und Rangers (protestantisch) in Glasgow ein Derby spielen (derzeit spielen sie nicht in derselben Liga), dann geht sicherlich niemand hin, weil er sich für Fußball interessiert. Der Konflikt, der hier von Irland aus übergeschwappt ist, wird in Glasgow in Form von rivalisierenden Fußball-Fanclubs ausgetragen. Das geht so weit, dass Kinder in der Schule ihre Hefte weder grün noch blau einbinden wollen, weil man die Farbe dann mit einer der Vereinsfarben der Fußballclubs (Grün für Celtic, Blau für Rangers) identifizieren würde und man automatisch einem der beiden Lager zugeordnet würde. Dieser Konflikt hat sich inzwischen so weit verselbständigt, dass er meiner Einschätzung nach mit der ursprünglichen religiösen oder auch rassistischen Dimension nicht mehr viel zu tun hat. Meiden sollte man jedoch gewisse Viertel an Spieltagen, und das Tragen blauer oder grüner Sachen an solchen Tagen, und meiden sollte man auch die sogenannten Orange Marches, Kundgebungen der UK-treuen protestantischen Gruppierungen, bei denen es immer wieder zu Zwischenfällen kommen kann.

Auch in Edinburgh gibt es zwei Fußball-Clubs: Die Hibs oder Hibernians (katholisch), und die Hearts (Heart of Midlothian, protestantisch). Heart of Midlothian war übrigens ein Tanzsaal und ein Roman von Sir Walter Scott, dessen Name sich auf ein 1917 abgerissenes Gefängnis samt Hinrichtungsstätte begründet. An der Stelle des ehemaligen Gefängnisses auf der Royal Mile findet man heute ein ins Kopfsteinpflaster eingearbeitetes Herz. Ob sich der Fußballclub nach dem Tanzsaal oder dem Gefängnis benannte, sei dahingestellt. Der Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Fußballfans erreicht aber in Edinburgh nicht einmal annähernd die Ausmaße wie in Glasgow.

Die beiden Städte in Zahlen

Hier noch ein paar interessante Statistiken: Zu aller erst das  Wetter: Jährlichen 668 mm Regen in Edinburgh stehen 1109 mm Regen in Glasgow gegenüber. Unterschätzen sollte man allerdings an der Ostküste nie den Wind. In Glasgow stimmten im Referendum zur Unabhängigkeit 55 Prozent mit „Yes!“, in Edinburgh nur 39 Prozent. Glasgow führt immer noch die Liste der Städte mit den meisten Tötungsdelikten, Messer-Attacken und Verbrechen in Zusammenhang mit Gangs an. Die Anzahl der Morde hat sich jedoch in den letzten 10 Jahren halbiert. Edinburgh führt UK-Statistiken bei der Anzahl der Bäume pro Einwohner, bei der Zahl der Eigentumswohnungen und –häuser sowie bei den Hauspreisen (zweiter Platz gleich nach London) an. Beide Städte haben ein großes Problem mit Alkohol (fast acht Prozent der Bevölkerung sind angeblich Alkoholiker), mit Drogenkonsum und damit verbunden mit der Anzahl der HIV-Infektionen (hier steht Edinburgh seit Jahren an der Spitze, Glasgow liegt aber nicht weit ab). Es gibt in beiden Städten Viertel, die man lieber meiden sollte, weil dort sogar Taxifahrer sich weigern, stehen zu bleiben. In Glasgow sind diese Viertel häufiger und viel offensichtlicher. Die Weegies gelten als unglaublich freundlich, aber auch als unkontrolliert aggressiv, wenn man sie am falschen Fleck erwischt. Beide Städte haben auf jeden Fall ihre guten und ihre schlechten Seiten. Jedem Touristen würde ich den Besuch Edinburghs nahelegen. Glasgow hingegen sollte man nur besuchen, wenn man sich auf seine bewegte Geschichte und sein besonderes Flair einlassen möchte. Wer in die Lebenswelt Glasgows in Vergangenheit und Gegenwart eintauchen möchte, dem sei der Besuch des People’s Palace Museum im Glasgow Green zu empfehlen. Und an einem der vielen Regentage das Café im angeschlossenen Glashaus. Oder versuche doch mal das Quiz: Gehörst du nach Glasgow oder Edinburgh?

Kinder beobachten den Bau der Queen Elisabeth II in Glasgow, Foto: James Allan

Kinder beobachten den Bau der Queen Elisabeth II in Glasgow, Foto: James Allan

Irische Fahnen und Union Jacks bei einem Derby von Celtic und Rangers. Foto: David Moir, Reuters

Irische Fahnen und Union Jacks bei einem Derby von Celtic und Rangers. Foto: David Moir, Reuters

An den Anfang scrollen