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Die Steine Sprechen Zu Uns – Geologie Edinburghs

Die Steine sprechen zu uns – Geologie Edinburghs

Beitragsserien: Schottland-Reise Blog

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Vulkane, Fossilien, Ölschiefer und Kohle, Sandstein, Kalk, Sümpfe, Seen und Meeresarme sind Relikte einer Geschichte, die viel älter ist als wir Menschen es uns vorstellen können. Die Geologie ist nicht nur unter der Erde begraben, sie ist überall sichtbar und prägt eine Region mehr als man glauben möchte. Edinburgh und seine Umgebung ist ein Paradies für jeden Geologen. Ein kurzer Blick auf die Steine – und das, was sie uns zu sagen haben – hilft auch dem Laien, das einzigartige Stadt- und Landschaftsbild dieser Region zu verstehen.

Was wäre Edinburgh ohne seine stolzen Erhebungen, allen voran der Burgberg und der Arthur’s Seat mit den steil abfallenden Felswänden der Salisbury Crags? Stolz thronen sie über der Stadt, und machen es uns auch bewusst, dass sie der Witterung, der Ersosion, und dem menschlichen Werk trotzten und in Millionen von Jahren noch immer genauso stolz die Landschaft prägen werden. Wie Rom wurde auch Edinburgh auf sieben Hügeln erbaut: Calton Hill, Corstorphine Hill, Craiglockhart Hill, Braid Hill, Blackford Hill, Arthur’s Seat und Castle Rock. Die Hügel Edinburghs sind vulkanischen Ursprungs. Basalt und Tuffstein bilden auch den weithin sichtbaren Berwick Law 25 Meilen weiter östlich in North Berwick, und die markanten Inseln im Firth or Forth, insbesondere Bass Rock.

Den Arthur’s Seat kann man von mehreren Seiten erklimmen, die Wanderungen zum 251 Meter hohen Gipfel dauern – je nach Ausgangspunkt – 20 Minuten bis 2 Stunden. Es lohnt sich allemal, vom Holyrood Palace direkt unterhalb der steilen Klippen der Salisbury Crags entlangzuwandern und den Ausblick auf die Stadt zu genießen. Von dort aus kann man weiter auf den Gipfel aufsteigen, durch eine Heidelandschaft, wie man sie eigentlich nur in den Highlands vermutet, weit weg vom Lärm der Stadt. Dann steigt man den kurzen Weg zum Duddingston Loch hinab um schließlich im „Sheep Heid Inn“ einzukehren. Ein Pub diesen Namens ist in Duddingston seit 1360 nachgewiesen. Woher der Name kommt? Schafsköpfe waren früher eine lokale Spezialität, da die im Holyrood Park weidenden Schafe dort geschlachtet wurden und die Köpfe sich auf dem Viehmarkt schlecht verkauften, weshalb sie den Einheimischen blieben. Im Pub serviert man heute andere saisonale Spezialitäten, und es empfiehlt sich zu reservieren, da es recht voll werden kann. Man findet dort sogar einen kleinen Gastgarten im Hof.

Wenn man am Arthur’s Seat steht, staunt man erst einmal über den imposanten Ausblick über die Stadt und den Firth of Forth. Andächtig und fast überwältigt steht man da und wird sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst. Man kann James Hutton nachfühlen, der hier im 18. Jahrhundert stand und über die Zeit nachdachte. Die Kirche hatte ihn gelehrt, dass die Schöpfung der Erde laut Bibel etwa um 5500 v. Chr. geschah. Doch hier auf dem Arthur’s Seat begann er daran zu zweifeln, denn die Steine sprachen zu ihm.  Gesteinsschichten hatten sich überlagert, ineinander geschoben, geneigt und verformt, und dem Naturforscher wurde klar, dass diese Formung über unsäglich lange Zeiträume hinweg geschehen war. Hatte die Bibel doch nicht recht? Für Geologen besonders interessant ist hier die sogenannte „Hutton’s Section“, eine der Stellen, an denen Hutton seine damals revolutionäre Theorie veranschaulichen konnte und so den Grundstein der modernen Geologie legte.

Auch der Berwick Law in North Berwick ist den eher beschwerlichen Anstieg wert. Man wird mit einem herrlichen Ausblick auf den Firth of Forth und die Inseln belohnt. Alternativ kann man eine Bootstour vom Seabird Centre im Ort zu Bass Rock und Craigleith (gälisch für „grauer Fels“) unternehmen, wo man neben eindrucksvollen Basalt-Formationen und Höhlen unzählige Wasservögel und auch Robben bewundern kann. Tonnenweise Vogeldreck lassen den markanten Felsen Bass Rock – mit seinem früheren Gefängnis – in der Sonne weiß glänzen. Vom flotten Motorboot aus hat man auch einen außergewöhnlichen Ausblick auf Tantallon Castle auf den Klippen etwas weiter östlich.

Während Vulkanfelsen die Landschaft prägen, wird das Stadtbild von Edinburgh durch Sandstein geprägt. Seen und Flüsse lagerten hier Sand und Geröll ab, die zu Gestein verdichtet wurden. Dieser Stein aus den Steinbrüchen in und um Edinburgh diente über die Jahrhunderte als Baumaterial für die Burg, für Holyrood Palace, für Kirchen, Bürgerhäuser, die New Town und die Docks im Hafen Leith. Ab und zu findet man sogar Gebäude aus rostrotem Sandstein, die ansonsten in Glasgow verbreiteter sind (rostrot im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Färbung entsteht durch Eisenoxyd).

Auf dem Rücken des Burgberges, wo sich das von Stadtmauern geschützte mittelalterliche Edinburgh befand, gab es schon sehr bald Platzmangel. Ab Ende des 16. Jahrhunderts begannen Adelige und Kaufleute, ihre Häuser aus Stein zu bauen, und was blieb ihnen anderes übrig, als in die Höhe zu bauen?  Schon ein halbes Jahrhundert später gab es in Edinburgh die ersten Häuser mit zehn Stockwerken. Doch es herrschten auch die besten Vorraussetzungen für den Bau von Hochhäusern: Es gab zahlreiche Vorkommen von Kalk in der Umbegung, der gebrannt und zu Mörtel verarbeitet wurde. Mancherorts findet man noch die Überreste alter Brennöfen, „lime kilns“. Der Kalk diente außerdem in der Landwirtschaft als Dünger und wird heute noch zur Zementproduktion verwendet. Er enthält  fossile Reste von Muscheln und Getier, die – für den Geologen interessant – mancherorts aus maritimen, andernorts aus Süßwasser-Ablagerungen stammen.

Bei trübem Wetter erscheinen die Sandstein-Fassaden Edinburghs in verschiedenen Schattierungen von Grau. Die Stadt wirkt trist und farblos, das „Graue Athen des Nordens“. Doch wenn die Sonne hervorkommt, entwickelt dieser Sandstein Nuancen von Gelb, Braun und warmen Rottönen. Die Stadt scheint wie verwandelt, warm schimmernd und fast farbenfroh. Aus „50 Shades of Gray“ wird plötzlich „50 Shades of Gold“, und es scheint als hätte die Stadt ihren Charakter verändert. Besonders fröhlich wirken auch die Kiesstrände mit ihren runden und länglichen, schön geschliffenen Sandstein-Kieseln in allen Farben von okkergelb über schneeweiß, von anthrazit über altrosa bis dunkelrot.

Man kann sich kaum vorstellen, dass die Lothians rund um Edinburgh einst von tropischen Regenwäldern und Sümpfen bedeckt waren. Doch die verrottenden Überreste dieser Vegetation wurden unter hohem Druck verdichtet und lagerten sich in Form organischer Schichten im Gestein ab: Kohle- und Ölschiefer-Vorkommen prägten die Geschichte der Lothians. Sie brachten Arbeit und Reichtum, Zuwanderer, Arbeitersiedlungen und verarbeitende Industrie, und der Bergbau hinterließ Spuren in der Landschaft. Als dieser Wirtschaftszweig nicht mehr rentabel genug erschien, brachte er Arbeitslosigkeit und Armut.

Von 1851 bis 1962 wurde Ölschiefer abgebaut. Oben abgeflachte Halden aus rotem Sandstein zeugen von einstigem Ölschiefer-Bergbau, doch immer mehr von ihnen werden heute planiert. Schließlich wurde die Konkurrenz des Erdöls aus der Nordsee zu groß und die mühsame Gewinnung von Öl aus dem Gestein zu ineffizient. Die Geschichte des Öls kann im Almond Valley Heritage Trust Museum in Livingston bestaunt werden. Dort gibt es auch eine historische Farm, eine Schmalspurbahn und reichlich Kinderprogramm.

Bis 2003 wurde in Midlothian, wie auch in Fife nördlich des Firth of Forth, Kohle abgebaut. Die Halden des Kohle-Bergbaus erkennt man an ihrer dunkelgrauen Farbe und Kegel-Form. Kohle und Öl wurde unter anderem für die Gewinnung von Salz aus Meerwasser verwendet, in großen Pfannen über Feuer, wie uns der Ortsname „Prestonpans“ noch verrät. Zunehmend heizten die Menschen in Edinburgh ihre Häuser mit Kohle. Man kann sich den Geruch und die verrauchten Straßen lebhaft vorstellen, die der Stadt den Namen „The Auld Reekie“einbrachten.

Erst die letzte Eiszeit verlieh der Gegend um Edinburgh ihren besonderen Schliff: Die Gletscher, die sich im Zeitlupentempo in Richtung Nordsee schoben, gerieten an eine Engstelle zwischen den harten Vulkanfelsen bei North- und South-Queensferry. Und so gruben sie sich bis zu 75 Meter tief in den Boden hinein. Sie hinterließen einen Fjord, der sich mit Meerwasser füllte: Den Firth of Forth. Elf Inseln, allesamt aus hartem vulkanischen Gestein, harrten dem Glattschliff der Gletscher aus und ragen an die Oberfläche. Zwei, bald drei, monumentale Brücken überspannen den Meeresarm. Was wäre Edinburgh, ohne seinen Hafen Leith, ohne seine Strände Cramond und Portobello Beach? Ohne eine steife Brise vom Meer, ohne seine Sandstein-Skyline und seine Vulkanfelsen? „Edinburgh Rock“ ist nicht nur eine traditionelle Süßigkeit aus Zucker, Wasser, Weinstein und Farbstoffen, sondern ein besonders hartnäckiger Stein, der dem Zahn der Zeit trotzt und eine zeitlose, beständige Stadtlandschaft geschaffen hat.

Tantallon Castle mit Bass Rock im Hintergrund

Tantallon Castle mit Bass Rock im Hintergrund

Berwick Law mit Ortschaft North Berwick

Berwick Law mit Ortschaft North Berwick

Bass Rock

Bass Rock

Sheep Heid Inn Pub

Sheep Heid Inn Pub

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