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Besuch In Edinburgh 1784

Besuch in Edinburgh 1784

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Ankunft

Es war Juli 1784, als ich im Hafen von Leith ankam. Über zwanzig Jahre war es her, dass ich das letzte Mal in Edinburgh gewesen war. Mein Freund Adam Ferguson hatte eine Kutsche für mich bereitgestellt, die mich zu seinem Haus in Sciennes[1] Hill bringen sollte. Es war ein angenehm warmer Abend und die Sonne würde bald über dem Firth of Forth untergehen. Ich spürte eine gewisse Aufregung, nach so langer Zeit in diese Stadt zurückzukehren. Hier hatte ich meine Kindheit verbracht, und ich erinnerte mich dunkel an die schmalen, schmutzigen Gässchen der Altstadt, an die Burg, an das Nor‘ Loch[2], das furchtbar stank und das wir als Kinder als unheimlich empfanden.

Die Straßen waren schlecht und die Fahrt holprig und beschwerlich. Ich versuchte immer wieder einen wackeligen Blick auf die in der Dämmerung liegende Stadt zu erhaschen. Als wir von Holyrood aus den Bergrücken zur Altstadt hinauffuhren, fiel mir sofort auf, dass das Stadttor, die Netherbow Port, verschwunden war. Früher hätten Kutschen wie meine nur knapp das schmale Tor passieren können. Jetzt öffnete sich die High Street breit und ließ Ankömmlinge hindurch. Doch irgendwie hatte ich dabei gemischte Gefühle. Das Tor war mehr als nur ein Gebäude gewesen, und diese neue Offenheit nahm der Stadt irgendwie auch den Stolz ihrer Befestigung und ihrer Stärke. Je mehr ich heute darüber nachdenke, desto kennzeichnender empfinde ich das Aufgeben des Stadttors für den Wandel, der sich damals vollzog. Aus den Erzählungen meines Vaters wusste ich, wie undenkbar das alles noch vor Jahren gewesen wäre. Nach den Aufständen der Jakobiten hatten die Engländer sogar damit gedroht, das Tor einfach niederzureißen, damit englische Truppen im Fall des Falles ungehindert in die Stadt marschieren könnten. Vehement wehrten sich die Stadtväter damals gegen diesen Plan. Letztendlich fiel das Tor; nicht um den Engländern den Einmarsch zu erleichtern – mit deren Allgegenwart hatte man sich inzwischen abgefunden – sondern um Fortschritt und Vernunft den Weg zu bahnen.

Am Tolbooth setzte mich die Kutsche ab und ich musste umsteigen in einen Sedan-Sessel. Mit diesen könne man besser durch die engen Gässchen manövrieren. Einer meiner Träger war ein echter Highlander, ein junger Mann im Kilt und langen Umhang, der kaum Englisch sprach. Mein Scots Dialekt war etwas eingerostet, dennoch konnte ich das meiste verstehen. Aber Gälisch hatte man in unserer Familie nie gesprochen, und Leute aus den Highlands hatte ich als Kind in Edinburgh kaum gesehen. Doch ich hatte schon gehört von den Vertreibungen der Bauern aus den Tälern, und den vielen Menschen, die weiter im Süden Arbeit suchten. Ich konnte nur allzu gut verstehen, dass für diesen Highlander die traditionelle Tracht ein Ausdruck der Verbundenheit zu seiner Heimat war, die er hatte verlassen müssen. Bis vor Kurzem war das Tragen von Tartan-Bekleidung verboten gewesen, und gerade deshalb trug man sie jetzt bewusst. Der Umhang des Highlanders machte sich bald bezahlt, als aus den dunklen Stadthäusern über uns jemand „Gardyloo!“[3] rief und kurz darauf einen Eimer Dreck heruntergoss. Zum Glück war mein Sedan-Sessel überdacht und ich bekam nicht allzu viel ab. Meine Träger ließen sich nicht beeindrucken und liefen einfach weiter.

Wir liefen hinunter zum Cowgate und hinaus zwischen Pferdeställen und Wiesen bis Sciennes Hill. Mein Freund Adam Ferguson erwartete mich mit Freude und wir diskutierten bis in die Nacht hinein und tranken schweren Portwein. Adam war ein genialer Mensch, mit dem man endlos Gott und die Welt erörtern konnte. Wir hatten uns auf einer Studienreise in Leipzig kennengelernt, und er war es, der mich in den nächsten Wochen mit vielen anderen Persönlichkeiten dieser Stadt bekannt machen würde. Der Grund meines Besuchs in meiner Geburtsstadt war der Tod meines Vaters, der hier in der Umgebung noch einige Ländereien besaß. Und so wollte ich mich gleich am nächsten Tag mit meinem Advokaten, Henry Mackenzie, treffen, der diese verwaltete. Henry war ein Freund meiner Familie und ich kannte ihn noch aus meiner High School Zeit.

Stadt im Wandel

Im Licht der morgendlichen Sonnenstrahlen offenbarten sich erst die großen Veränderungen in der Stadt. Erstaunt stand ich am Mound und blickte hinunter, dorthin, wo in meiner Kindheit das Nor’ Loch gelegen hatte. Der stinkende See war zugeschüttet worden, und dahinter erstreckte sich die größte Baustelle, die ich je gesehen hatte. Eine neue Stadt für die Reichen sollte hier entstehen, und Richtung Osten standen bereits Reihen stattlicher Häuser, dazwischen reges Treiben der Arbeiter, die neue Bauten entstehen ließen. Prachtvolle Plätze und breite, gerade Straßen waren ein krasser Gegensatz zu dem, was ich vom verwinkelten alten Edinburgh in Erinnerung hatte. Eine imposante Steinbrücke spannte sich vom Bergrücken der Old Town hinüber zur gerade entstehenden New Town. Das Stadthaus meines Großvaters in einem der kleinen Gässchen war der North Bridge zum Opfer gefallen. Ehrfürchtig stand ich da, denn so viel Umbruch und Erneuerung hatte ich weder in London noch in Leipzig je erlebt. Doch ein bisschen Wehmut gesellte sich auch dazu, denn mir wurde klar, dass ich das Edinburgh meiner Kindheit nie wiedersehen würde.

In den Straßen der Altstadt kehrten junge Hausmädchen die Treppen und versuchten die Abwässer und Nachttopf-Inhalte, die von den oberen Stockwerken auf die Straße gegossen worden waren, von ihren Hauseingängen weg in Richtung Straße zu befördern, jeden Morgen aufs Neue. Dort, wo in meiner Jugend ein Zinshaus eingestürzt war und einige Bewohner in den Tod gerissen hatte, stand das stattliche Gebäude der Börse. Die Luckenbooths[4] mit ihren hölzernen Galerien, kleinen Geschäften und Silber- und Goldschmieden teilten die High Street in zwei kleine Gassen, und ich zwängte mich durch das rege Treiben der Krames zwischen diesen Gebäuden und der St. Giles Kirche. Hier verkauften fahrende Händler alle möglichen Kuriositäten an kleinen Marktständen. Es stank nach Abwässern und in den Ecken saßen Bettler und Arme. An einer Stelle hatte sich eine größere Menschenmenge versammelt um einen Mann im Indianer-Kostüm. Peter Williamson, oder Indian Peter, führte reich geschmückt einen Tanz vor. Dann demonstrierte er der staunenden Menschenmenge vor seinem Geschäft seine tragbare Druckerpresse, und verkaufte Kopien seines Straßen- und Adressenverzeichnisses.

Später, in seinem Coffee House in der Parliament Hall, wo ich auch meinen Anwalt traf, erzählte mir Peter seine Geschichte. Er war als Achtjähriger in Aberdeen entführt und als Sklave in Amerika verkauft worden. Dort wurde er Jahre später von Cherokee Indianern verschleppt, kämpfte auf Seiten der Engländer, geriet in Kriegsgefangenschaft und kam durch einen Gefangenenaustausch nach England zurück.  Durch seine Erlebnisse hatte er viele Dinge gesehen und gelernt, und vermochte es durchaus, daraus Geld zu machen. Sein Café, seine Kneipen, seine Druckerei und seine Penny-Post kannte hier jeder, und ohne ihn wäre diese Stadt um eine Attraktion ärmer gewesen.

Mein Advokat Henry wartete schon im Coffee House, und auf Drängen Adam Fergusons auch dessen Freund John Walker. John war ein Experte in Sachen Landwirtschaft und Industrie. Er unterbreitete mir sofort seine Vorschläge, die Nutzung meiner Ländereien zu reformieren und eine Kohle-Mine zu errichten. Die Besitzungen würden wesentlich mehr Geld abwerfen, wenn man die gemeinsam genutzten Weideflächen abschaffen und das Land in einzelne Pacht-Parzellen aufteilen würde. Reformen, Reformen, Reformen, und Fortschritt an jeder Front. Das nötige Geld, um in eine Kohle-Mine und Arbeitersiedlung zu investieren, konnte ich in nächster Zeit nicht aufbringen. Von der Landwirtschaft hatte ich keine Ahnung, doch ließ ich John und Henry diese Angelegenheit aushandeln und übergab Henry eine großzügige Summe für seine Dienste. Dass mein eher bescheidener Landsitz in ausgezeichnetem Zustand war, wurde mir eingehend versichert, und so vereinbarten wir drei einen baldigen Besuch dort.

Vergnügungen

Das Leben in Edinburgh begann mir zu gefallen. Ich verbrachte meine Tage in Creech’s Land, einem Buchladen in den Luckenbooths, der meinem alten Schulfreund William Creech gehörte. Ich besuchte Konzerte in St. Cecilia’s Hall im Cowgate und erlernte in diesem Sommer auch das Golfspiel auf den Bruntsfield Links. Ich verbrachte viel Zeit im Hause Henry Scotts, dem Duke of Buccleuch, in Dalkeith. Henry hatte eine exzellente Bibliothek, und er zog das Leben in Edinburgh dem in London vor. Hier kannte jeder jeden, Intellektuelle würden einander unterstützen, und selbst Kirchenleute wie Adam Ferguson sahen die Notwendigkeit des Fortschritts ein. Viele der führenden Denker unserer Generation waren selbst Kirchenmänner. Man traf sich, um zu diskutieren und das kulturelle Leben zu genießen. Henry selbst trug viel zu dieser Gesprächskultur bei, denn er war es, der kurz zuvor die Royal Society gegründet hatte, wo sich die wichtigsten Vertreter von Wissenschaft und Kunst trafen. Und unsere ausgedehnten Gespräche trugen viel dazu bei, dass mein Aufenthalt in Edinburgh letztendlich länger dauerte als geplant.

Henry nahm mich kurz darauf auch mit zu den Pferderennen nach Leith. Ich erinnerte mich daran, als Kind dort einmal gewesen zu sein. Es war ein Volksfest, das seinesgleichen suchte. Adam hatte mich ausdrücklich davor gewarnt, denn immer wieder gab es dort Prügeleien und der Alkohol floss in Strömen. Das Krankenhaus, The Royal Infirmary, war zu dieser Zeit voll mit Raufbolden und im Rausch gestürzten jungen Männern, und so mancher hatte schon sein Leben gelassen. Mit der Kutsche gab es kein Vorankommen, denn die Edinburgher hatten ihre Geschäfte geschlossen und ihre Arbeit niedergelegt, und flanierten zu Tausenden den Leith Walk entlang. An der Promenade gab es Jahrmarktstände und Trinkbuden, Glücksspiel und allerhand Scharlatane. Jongleure und Tänzer zeigten ihre Künste, und mitten unter ihnen ein weiterer meiner einstigen Schulkollegen, James Graham. Er versuchte die versammelte Menschenmenge von seinen Heilkünsten zu überzeugen, während seine Assistentin, eine hübsche junge Dame, leicht bekleidet ihrem Bad aus Sand und Erde entstieg. Ich vertraute lieber der modernen Medizin, grüßte James dennoch freundlich und kaufte ihm eines seiner Bücher über Fortpflanzung in der Ehe ab. Zumindest würde die Lektüre gute Unterhaltung garantieren. Die Pferderennen selbst schienen nur eine Randerscheinung des ganzen Spektakels zu sein. Henry hatte einen Preis für den heutigen Gewinner spendiert, doch gleich nach der Überreichung machten wir uns aus dem Staub, um dem feiernden, betrunkenen Mob, den Raufbolden und den an jeder Ecke lockenden Prostituierten zu entkommen.

Als eines Tages Adam Ferguson, mein Advokat Henry Mackenzie, unser gemeinsamer Freund John Walker und ich auf dem Weg zu meinem Landsitz waren, kam unsere Kutsche am nordöstlichen Ende des Holyrood Parks vorbei. Dort standen ein paar Schaulustige in Comely Gardens, wo James Tytler gerade wieder einmal versuchte, seinen Ballon zum Aufsteigen zu bringen. Tytler hing in einer Art Weidenkiste unten an seinem Ballon und feuerte einen Ofen an. Der Ballon richtete sich langsam auf und schwankte, und dann hob er tatsächlich ab und bewegte sich in freiem Flug in Richtung Restalrig und den See, landete aber kurz darauf etwas unsanft. Wir applaudierten und jubelten Tytler zu, denn es war eine Sensation, deren Zeugen wir ganz zufällig geworden waren, auch wenn das Abenteuer noch etwas holprig gewirkt hatte. Dann machten wir uns wieder auf den Weg, um dem Rauch und Gestank der Stadt für einige Zeit zu entfliehen und die herrliche Landluft bei gutem Essen und reichlich Bier und Branntwein auf meinem Landgut zu genießen.

Fortsetzung folgt.

 

[1] „Schiens“ gesprochen

[2] Der See, der sich zwischen Burgberg und der heutigen Prices Street befand

[3] kurz für franz. „Gardez l’eau!“ (Achtung Wasser!)

[4] 1817 abgerissen

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